Blogbeiträge – Feder & Tinte
Feder & Tinte
KOMMENTARE: Wer einen Kommentar schreiben möchte, möge es gerne tun!
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
scheut Euch nicht, mir den ein oder anderen Kommentar zu schreiben (siehe in der Fußleiste meiner Website).
Er wird ankommen und mich freuen, egal, ob Euch ein Text, ein Gedicht, eine freie Lyrik gefällt oder nicht.
Ich bekomme ja sonst nichts mit.
Traut Euch!
Viel Spaß beim Lesen.
Herzlichst
H. Jürgen Hoffmann
Benefiz-Veranstaltung für "Wir helfen" am 29. Mai 2026 im Köln-Sülzer Café Osterspey.
Meine nachfolgenden Texte bis – „NachSchlag“- habe ich zusammen mit Martin Scharpenberg und Wolfgang Schriefer am 29. Mai 2026 im Köln-Sülzer Café Osterspey gelesen.
Es war uns – insbesondere mir – ein großes Anliegen, dies im Rahmen der Kölner Stadt-Anzeiger-Initiative für in Not geratene Kinder und Jugendliche „wir helfen“ zu tun.
In von mir ausgelegten und handgeklöppelten „Booklets“ finden sich zusätzlichen Texte bis „Anderes“.
An dieser Stelle noch einmal meinen herzlichen Dank für Ihr Kommen zur Lesung und die damit verbundene Spende an „wir helfen“.
Und nun: viel Spaß bei der „NachLese“.
H. Jürgen Hoffmann im Mai 2026
Zitat: "Drei Dinge..."
Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben:
Die Sterne der Nacht,
Die Blumen des Tages
und die Augen der Kinder.
Dante Aligheri (1265-1321), Göttliche Komödie,
geschrieben zwischen 1307 und 1321
VORWORT
An dieser Stelle spreche ich auch im Namen meiner beiden Mitstreiter Martin Scharpenberg und Wolfgang Schriefer, mit denen ich zusammen diese “Lose-Blätter-Lesung” am 29.05.2026 im Café Osterspey, 50939 Köln-Sülz, Luxemburger Str. 267 gehalten habe.
Und hier noch einmal: Vielen Dank dafür, dass Sie diese kleine Zusammenstellung meiner Texte mitgenommen haben. Vielen Dank für die damit verbundene Spende, die an „wir helfen“ weitergeleitet werden konnte.
Lose-Blätter-Lesung – was sollte das gewesen sein?
Zunächst: Einfach, weil wir keine Bücher anzubieten haben.
Verlage setzen vermehrt auf Krimis, Liebesgeschichten und eher auf junge Autor*innen.
Stattdessen haben wir in unseren Schubladen gekramt und (rein) zufällig eigene Texte gefunden, die wir Ihnen als Ansammlung loser Blätter vorgestellt haben. In dieser Sammlung habe ich unter “NachLese” meine Texte zusammengestellt, die ich vorgetragen hatte.
Unter “NachSchlag” finden Sie ein paar weitere.
Es sind kurze Texte, Gedichte und freie Lyriken über Geschichtliches, unsere Natur, das Alter oder das Stadtbild im Allgemeinen.
Ich schreibe seit meinem sechzehnten Lebensjahr. Zunächst Tagebücher, dann für satirische und erfolgreiche Theateraufführungen in den Achtzigerjahren und politische Texte während meines zweiten Studiums (SoWi).
Ende der Achtzigerjahre in Köln angekommen, schrieb ich eigene Texte für Auftritte an Karnevalstagen mit der Trash-Gruppe “Wundersitzung”.
2019 Herausgabe meines Buches “Ach, so schmutzig”, das ich heute sicherlich nicht mehr in gleicher Form schreiben würde; denn:
Mit dem Schreiben geht es halt immer weiter.
Welche Bedeutung hatte / hat das Schreiben für mich?
Meine Volksschullehrerin hatte mir einmal gesagt, ich solle alles niederschreiben, das erlebte Gute wie das, was in mir Angst und Schrecken erzeugen würde. Schreiben sei wie ein innerer Fotoapparat, der gefühlte Bilder festhält. Bei späterem “Nach”lesen würden die inneren Fotos auch die damit verbundenen Gefühle freisetzen. Bei manchen Tagebuchaufzeichnungen schüttele ich heute den Kopf, andere berühren mich ein zweites, drittes oder viertes Mal.
Manche reichen für Anekdoten.
Trösten Sie sich vor allem aber schon jetzt damit, dass Sie an einem kleinen Beitrag zur Spende an „wir helfen“ mitgewirkt haben.
Danke noch einmal für Ihr Kommen und für die Mitnahme dieses (neudeutsch) “Booklets”.
H. Jürgen Hoffman, im Mai 2026
Gemein (Apr. 2025)
Anlässlich einer „WerkStadtLesung“ am 22.05.2025 mit anderen Autor*innen
über das gemeinsame Thema „Gemein-„,
habe ich diesen Text im FreienWerkstattTheater, Köln vorgetragen.
Gemein
© H. J. Hoffmann, Apr. 2025
In den Schatten meiner Gedanken,
wo die Worte nur leise flüstern,
liegt ein Gefühl, so schwer und gemein,
wie wabernde Nebelschwaden, die meine innere Sicht trüben.
Gemein ist auch das Lächeln,
das sich hinter Masken verbirgt.
Gemein ist der Zynismus in der Welt,
eine scharfe Klinge, die tiefe Wunden schneidet
und Freundschaften zum Spielball des Schicksals werden lässt.
Gemein sind auch jene Nächte,
in denen sich die Einsamkeit wie ein Freund ausgibt
und gleichwohl die Sterne am Himmel kalt blitzend erscheinen lässt,
während meine Träume sprachlos im Dunkeln verwehen.
Dennoch – In der Dunkelheit blüht ein Licht,
wie ein Funke der Hoffnung, der mir zuflüstert:
„Nur das Wort ist gemein, nicht das Herz,
denn in jedem Schmerz liegt auch ein Teil von dir selbst.“
So tanze ich weiter auf dem Drahtseil meines Lebens,
mit einem Lächeln auf den Lippen und Narben im Innern,
gemein und manchmal schön zugleich –
ein ständiger Kampf
zwischen Licht und Schatten, zwischen Liebe und Hass.
Die schöne Liese (In)
Im nächsten Gedicht geht es um toxische Männlichkeit.
Leider greift dieser Wahnsinn wieder verstärkt um sich, dieser offenbar heiße Wunsch grunddummer Männer, Frauen wieder nach männlicher Lust und Laune leiten und manipulieren zu können.
Es ist nur ein Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn ein Nein von Frauen nicht akzeptiert wird.
Die schöne Liese (Nov. 2024)
Die schöne Liese
© H.Jürgen Hoffmann, Nov. 2024
Er liegt auf einer Wiese,
neben ihm die schöne Liese.
Gedanken fliegen – und auch Träume.
Er sieht den Himmel nur – und Bäume.
Ganz ruhig liegt die Liese,
so friedlich auf der Wiese.
Rings herum ein rauschend Wald.
Lieses Händchen ist so kalt.
Gestern Abend noch, an finst’rem Ort
wollt‘ er ihr seine Liebe offenbaren.
Doch sie stieß ihn nur spröde fort:
Das Buhlen könnt‘ er sich ersparen.
Jetzt liegt er hier auf dieser Wiese,
neben ihm die schöne Liese.
Ihr Blick – gebrochen,
noch einmal ihren Duft gerochen.
Er beugt sich dicht zu ihrem Munde
und sieht‘ das Blut aus einer Wunde.
Für ihn war sie sein großes Glück.
Jetzt liegt sie da – mit starrem Blick.
Er liegt auf dieser Wiese,
neben ihm die blasse Liese.
Gedanken fliegen – und auch Träume.
Er sieht den Himmel nur – und Bäume.
Automobile (Intro)
Unsere Umwelt wird bis heute negativ geprägt durch die Industrialisierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts und – bis heute – uneinsichtigen Autofahrern, die ihre Protzbrocken (um nicht zu sagen: Kotzbrocken) bei „Freier Fahrt für freie Bürger“ jede Menge CO2 ausstoßen lassen.
Dabei fing das mit den Automobilen einst so scheinbar harmlos an.
Automobile (Aug. 2015)
Automobile
© H.Jürgen Hoffmann, Aug. 2015
Das Auto, sagte Wilhelm Zwei,
sei ihm im Grunde einerlei.
Vorübergehend sei es ´ne Erscheinung.
So war des letzten Kaisers Meinung.
Er glaubte weiter an das Pferd,
ein Auto schien ihm gar nichts wert.
Doch irgendwann wurd´s ihm zuviel
er tauchte ab und ins Exil.
Auch Daimler, namens Gottlieb Wilhelm
der beileibe war kein großer Schelm,
sah in der Zukunft – damals schon –
Autos unter einer Milli-on.
Zur Begründung musst´ man hören:
Es wird wohl fehlen an Chauffeuren.
Der Autobauer Henry Ford
wollt‘ witzig sein und bracht‘ dies Wort:
Wenn ein Mann auf dieser Welt,
einer Frau den Schlag aufhält,
steht ein neues Auto wohl zur Schau
– oder eine neue Frau.
Kurt Tucholskys schöne Witze
trieb dieser gern mal auf die Spitze.
Ein schlauer Spruch aus seinem Munde
macht bei mir ´ne Ehrenrunde.
Ein Deutscher, so sein weiser Spruch,
hat einen and´ren Stallgeruch.
Er fahre mit besondren Gaben
Ein Deutscher fährt, um Recht zu haben.
Resonanzen im Stadtbild (In)
Es ist nur ein Beispiel:
Stellen Sie sich einmal vor: Ein seit seiner Kindheit hochprivilegierter, kleiner Pascha und späterer Kleinflugzeug-Besitzer und – Pilot – zeigt seiner mitfliegenden Frau auf einem Luftwege aus einem sehr ländlich geprägten Landstrich eines Landes kommend und nach Sylt fliegend:
„Schau, Lotti! Ist es nicht furchtbar, die unter uns liegenden dahinsiechenden Dörfer und Städte zu sehen? Furchtbar! Dieses Ausgefranste, diese bauliche Willkür. Ich weiß genau, wie es in den Straßen und Gassen aussehen muss.“
Und zack! Hat er für seinen nächsten sprachlichen Aussetzer ein Stadtbild skizziert, das anderen tumben Geistern suggeriert, Bürger*innen ausländischen Aussehens weiter zu diskriminieren – und möglichst schnell abschieben zu dürfen?
Daher meine Frage:
Wenn ein privilegierter kleiner Pascha gerne über den Wolken schwebt – woher sollte er Bodenhaftung kennen?
In einem Flugzeug ist Bodenhaftung ein Trugschluss.
Hier mein Einspruch!
Resonanzen im Stadtbild (Nov. 2025)
Frequenzen im Stadtbild
© H. Jürgen Hoffmann, Nov. 2025
Flirrender Atem über asphaltierten Flächen ohne Grün,
eine leise Streuung von Licht in Fensterscheiben.
Resonanzen – finde ich an Orten, wo Worte wie kleine Satelliten kreisen
und sich Wellen in die Nächte schneiden.
Sie breitet sich in den Stadtbildern aus,
wo sie in vielen Sprachen flüstert –
und so berauschend ist – wie das Rascheln von Blättern,
und so verwirrend wie die heisere Melodie aus Grillen, Straßenbahn und Stoßlüften.
Und sie sind hörbar in unser aller dumpfem Takt von Schritt und Herzschlag.
Ich höre sie antworten – die Räume im Stadtbild,
höre das Knarren der Türen, höre, wie es Geschichten wiederholt.
Ich spüre den Luftzug, der eine vergessene Bitte mit sich trägt: Seid offen!
Ich sehe eine Plakatschrift, die vom nächsten Frühling zu träumen anregt.
Resonanzen schleichen sich durch Nähe und Distanz,
durch die Lücke zwischen zwei Blicken,
durch unser aller Zögern, bevor man Worte formt und sie entlässt.
Resonanzen stehlen sich über unsichtbare Brücken aus Fragen und Wünschen.
Sie sind ein schüchternes Flüstern an Orten, wo sich Bahnhofslärm,
die Fröhlichkeit in Stadtgärten und Kinderlachen mischen.
In Resonanzen tanzt die Zeit auf dem Rand von Vergangenheit und Zukunft,
– und schafft immer wieder neue Töne im Stadtbild.
Und jeder einzelne Ton, der zurückkommt, trägt Sonne in den Staub.
Das feuerrote Fenster (Febr. 2025)
Das feuerrote Fenster
© H. Jürgen Hoffmann, Feb. 2025
Die Nacht verschlingt die Welt.
Keuchend tauche ich aus dem Dunkel auf
und höre die Stimmen der Verfolger.
Die Erdkugel in meinen Händen.
Ich muss sie vor den pferdefüßigen Geiferern retten.
Ihre unsichtbaren Hände greifen nach mir.
Die Luft ist erstickt von ihrem bedrohlich heißen Atem.
Ich wage nicht, mich umzudrehen.
Plötzlich sehe ich im Dunkel dieser Nacht
ein weißes Haus im dunkelblauen Schein.
Als wäre es nicht aus dieser Zeit,
als hülle ein gespenstisches Licht die Wirklichkeit in seinen Schatten.
Ein stummer Wächter der Ungewissheit.
Nur noch den Hang hinunter,
dem feuerroten Fenster entgegen,
das in irritierender Glut aufblitzt.
Ein letzter flackernder Blick ins teuflisch lodernde Ungewisse.
Glühend, brennend,
als hätte sich die Hölle selbst geöffnet.
Die Zeit hält inne –
dieses stumme Urteil über Raum und Zeit.
Sind es die Schatten, die zwischen Traum und Wirklichkeit taumeln?
Doch während die Flammen aus diesem Fenster schlagen,
ist jeder Atemzug ein Zwiegesang zwischen Furcht und Hoffnung.
ein stummer Schrei in die endlose Nacht.
Es ist nichts als ein zaghafter Versuch,
dem Labyrinth der Träume zu entkommen.
Ich verzage, als die Flammen aus dem Dach herausbrechen
und mich mit ihren zuckenden Zungen zu umschlingen trachten.
Die schreckliche Hitze auf meiner Haut.
Hinter mir ein Rauschen und Zischen.
Gleich werden mir die Hetzer meine Welt aus den Händen reißen.
Gebückt harre ich aus – doch sie fegen über mich hinweg
und stürzen sich brüllend in das lodernde Feuer ihres brennenden Heimes.
Unser Planet liegt in meinen Händen.
Ich wende mich ab.
Am Jersey-Strand (Sept. 2015)
Am Jersey-Strand
© H. J. Hoffmann, Sept. 2015
Ich sitz’ entspannt am Jersey-Strand
und schau’ hinaus aufs Wasser.
Ein Boot klatscht gegen Hafenwand
‘Ne Welle wogt und macht mich nasser.
Sitz’ Du mal so entspannt am Jersey-Strand,
wenn ‚ne Möwe sitzt nicht weit von dir
und beäugt das Eis in deiner Hand.
Nein, nein! Du wirst’s nicht geben ihr?
Denkste!
Sie schaut aus kleinen, dunklen Knöpfchen
und sitzt hier auf der Lauer,
dreht schnell ihr krummgeschnäbelt Köpfchen –
Das Eis ist weg, jetzt bin ich schlauer.
Dumm gelaufen, dicker Hals!
Doch die Warnung steht auf jedem Schild:
“Attention to the Seagulls!”
Eis macht Möwen ganz schön wild.
Jetzt sitz’ ich verspannt am Jersey-Strand
und schau’ nicht mehr aufs Wasser.
Kein Boot klatscht gegen Hafenwand
Es ebbt gerad’, ich werd’ nicht nasser.
Bruno Braunbär (In)
Wer, so frage ich, stiehlt anderen Lebewesen den Lebensraum?
Wer ist der eigentliche Kulturfolger?
War und ist es das „wilde“ Tier, das dem Menschen folgte oder war es der Mensch, der den Tieren folgte?
Ob es gestern noch ein verirrter Wolf in Hamburg war, oder in 2008 ein schaffressender Braunbär.
Viele Menschen schreien gerne gleich nach: ABSCHIESSEN!
Bruno Braunbär (Feb. 2008)
Bruno Braunbär
© H. J. Hoffmann, Feb. 2008
Einst schlurfte Bruno Braunbär
verfolgt vom Jäger … mit Gewehr -,
ziemlich heimatlos durchs Land der Bayern,
der Jäger gar mit dicken Eiern,
doch wild entschlossen diesem Räub(ä)r
den Pelz zu sengen …
mit Befehl vom Stoibär.
Ein Schuss … ein Knall … zutiefst getroffen
wankte Bruno – wie besoffen,
schluckt´ noch fix ein Restchen Schaf
verfiel dann schnell in ew’gen Schlaf.
An einem schönen Wochenende (In)
Im folgenden Text geht es um Erziehungsmuster – und das NICHT NUR – aus den Nachkriegsjahren. Es geht um Armut und ungerecht verteilte Bildungschancen. Früher wie heute. Am Ende des Textes werden Sie verstehen, warum es uns so sehr — vor allem mir persönlich – am Herzen liegt, benachteiligten und in Not geratenen Kindern zu helfen. Ob es traumatisierte Kinder aus den vielen unsäglichen, auf Machtkalkül fußenden Kriegen sind, oder Kinder aus bildungsschwachen Elternhäusern, sexuell missbrauchten Kindern oder Kinder in allen ausgebeuteten Ländern dieser Welt … Deshalb an dieser Stelle noch einmal meinen herzlichen Dank dafür, dass Sie mit Ihrem zahlreichen Kommen „wir helfen“ unterstützen. Bleiben Sie gelassen. Sie haben es verdient. Und: Bleiben Sie stark.
An einem schönen Wochenende (Jan. 2026)
An einem schönen Wochenende
© H. Jürgen Hoffmann, Jan. 2026
ommerferien. Viele unserer Freunde und Freundinnen vergnügten sich bei schönstem Sonnenschein draußen, tobten und lachten im Hof oder auf der fast noch autofreien Straße. Meine Freunde spielten Fußball, was nicht zu überhören war. Manchmal schlugen Bälle an unser Fenster.
„Tschuldigung! Tschuldigung!“
Danach ging es weiter.
Wir saßen gemeinsam auf der Couch im kleinen Wohnzimmer der 45m²-Werkswohnung in einer Stahlarbeiter-Stadt im westlichen Ruhrgebiet.
Wie so oft an einem dieser Wochenenden.
Meine Mutter hatte die kurzärmelige Kittelschürze an, wie es üblich war in unseren Kreisen dieser Zeit. Ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß. Rechts und links, ungleich verteilt, meine beiden jüngeren Geschwister und ich.
Sommerferien. Und die Sonne schien.
Ich hatte – wieder einmal – Stubenarrest. Dabei war es gleichgültig, was Straffälliges geschehen sein mochte. Und sei es nur mein vergessener Bleistift auf dem Wohnzimmertisch. Ich wurde durch Prügel mit dem Teppichausklopfer oder dem Lederriemen und Stubenarrest bestraft. Drei Monate lang. Wie immer, wenn ich irgendetwas verbrochen hatte, was dem Vater zuwider war.
Und es war sehr viel, was ihm in der Familie zuwider war.
Eigentlich alles.
Freiheiten, die mir Mutter – trotz strengsten Verbotes – gewährte, seien grundsätzliche Untergrabungen seiner Autorität, behauptete der Tyrann mit düsterem Blick. Meine einzige – und von ihm gehasste – Freiheit, die er mir ließ, war der Besuch der „Realschule“. Er kontrollierte den täglichen Stundenplan und die daraus resultierende Zeit meines Nach-Hause-Kommens. Kam ich zu spät – wie hätte es anders sein können? – wurde ich mit Prügeln und weiteren drei Monaten Arrest bestraft.
Das konnte sich summieren.
Und einmal ganz davon abgesehen, dass ich wohl glaube, wie er zu sagen pflegte, etwas Besseres sein zu wollen, weil ich die Mittelschule besuchte. Das sagte er, der zwei Jahrgangsstufen in der einklassigen Dorfvolksschule im Westerwald wiederholen musste.
Mit Recht. Aber sag’ das mal.
Ich war noch keine fünfzehn Jahre alt und besuchte die „Knaben-Realschule“, die meine Klassenlehrerin als – aus ihrer Sicht – schlechten Kompromiss gegenüber dem von ihr vorgeschlagenen Gymnasium vom Vater abgerungen hatte.
Ich fand hingegen: besser als nichts.
Ihn ärgerte es seit Beginn meiner Realschulzeit ungemein, dass er sich von „dieser blöden Kuh“ dazu hat breitschlagen lassen.
Er empfand allein die Tatsache von Schulbildung als arrogant, weil sie grundsätzlich arrogant mache. Quasi: Out of Control. Das war Überzeu-gung pur. Deshalb konnte es vorkommen, dass er ausrastete, wenn er Mutter oder mich mit einem Buch in der Hand vorfand. Er hat uns die Bücher, die er allesamt Schundliteratur nannte, aus der Hand gerissen und auf seine Art entsorgt: Einmal in der Mitte geteilt und dem Mülleimer übergeben.
Zu unserem Troste hatte er sie nicht verbrannt.
In etwas ruhiger Atmosphäre holten wir die Zerreißproben aus dem Abfalleimer und waren froh, dort weiterlesen zu können, wo wir im Text bereits angelangt waren.
Hatte er Mittagsschicht, war die Zeit zwischen 13:30 Uhr und 22:15 Uhr faktisch vaterlos. Meine Mutter ließ mich am Nachmittag frei, unter der Maßgabe, dass wir Kinder dem Vater gegenüber den Mund zu halten hatten.
Die Warnung sollte ihrer und meiner Sicherheit dienen.
Auch für sie war das Risiko zu groß, verprügelt zu werden.
Unsere Mutter, die Schwache, aber Gutmütige mit dem feinen Humor – trotz allem.
Während draußen also die Sonne schien, lag in Mutters braunen Augen große Traurigkeit. Sie schien nicht zu wissen, was sie hätte tun können. Nach einer Weile atmete sie kräftig durch, legte ihre blaugeschlagenen Arme um meine Schwester und sah dabei in mein knallrotes Gesicht, auf dem die Abdrücke von Fingern in leichtem Rosa sichtbar waren, während die Haut auf meinem Rücken heftig damit beschäftigt war, die blutunterlaufenen Striemen des Ledergürtels langsam zu verkrusten.
An einem Wochenende im Sommer 1964 – wie so viele Wochenenden vorher.
„Sollen wir uns ein Eis gönnen?“, fragte Mutter.
Verhaltener Jubel bei uns Kindern.
„Ich geh’“, sagte mein jüngerer Bruder.
Sie kratzte ein paar letzte Groschen aus einer Tasche ihrer Kittelschürze und gab sie ihm.
Sie wollte kein Eis. Er solle ihr stattdessen ein Stück Kuchen mitbringen.
„Welchen Kuchen?“, fragte er.
Das sei egal, war ihre Antwort. Er solle nach dem Eiskauf das restliche Geld zeigen. Die Verkäuferin würde ihm schon sagen, welchen Kuchen er dafür noch bekommen könne.
Mutter wollte uns trösten, obgleich sie selbst des Trostes bedurft hätte.
Ihr Ehemann gestand ihr gerade einmal soviel „Haushaltsgeld“ zu, wie er festgelegt hatte, dass es für den Monat einer fünfköpfigen Familie auszureichen habe.
Er allein war der Herrscher und Kontrolleur über das Geld.
Völlig legal und rechtlich abgesichert.
Meine Mutter hatte alles „Dazuverdiente“ aus Putzarbeiten in einer Metzgerei und dem frühmorgendlichen Zeitungsaustragen „anstandslos und alles“ abzugeben. Das Haushaltsgeld reichte vorne und hinten nicht. Es würde in einer Katastrophe enden, wenn er herausbekäme, dass sie bereits durch „Anschreiben“ eine nicht unerhebliche Summe an Schulden beim kleinen EDEKA-Laden angehäuft hatte.
Das alles an einem Wochenende im Sommer 1964.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es für eine lange, lange Zeit meine letzten großen Ferien sein sollten.
Es waren stets jene Samstage und Sonntage nach der letzten Nachtschicht.
Nach wenigen Stunden Schlaf bis zum Samstag Mittag begann er, sich in einer längeren Zeremonie für den Ausgang ‚fein zu machen‘. Die Haare mit Haaröl glatt nach hinten gekämmt, viel Kölnisch Wasser, der feine graue Anzug, die Krawatte, die er ‚Schlips‘, das Einstecktuch, das er „Strunztuch“ nannte.
Was bei seiner pfauenhaften Grundausstattung nie fehlen durfte, war die sichtbare Kappe und der golden wirkende Clip des schwarzen Plastikkugelschreibers in der kleinen, äußeren linken Brusttasche des Jacketts.
Wenn wir die ersten Geräusche des Boxermotors seines VW Käfers hörten, atmeten wir alle auf. Ein paar wenige Wochenendstunden mit gezügelter Angst, ein paar Stunden der unterdrückten Freude. Sie war nie ganz weg, die Angst; denn er könnte zu jeder Zeit unerwartet in der Tür stehen.
An seinem Gesichtsausdruck konnte ich ablesen, ob er eher guter oder weniger guter Laune war. Meist war er weniger guter Laune.
Es blieb stets eine gedämpfte Freude. Eine Freude unter dem permanent vorhandenen Druck von Zucht, Ordnung und Bestrafung angesiedelt.
An diesem Wochenende wirkte er auf eine mir bis dahin unbekannte, eigenartigere Art und Weise angespannter.
Und es kam, wie es kommen musste.
Keiner von uns hatte das Bollern des Boxers gehört.
Plötzlich stand er in der Tür, riss meiner Mutter wortlos den Teller mit dem Kuchen aus der Hand und warf beides mit lautem Geschepper in den Mülleimer. Uns zeigte er – immer noch wortlos – mit dem Zeigefinger deutend, wohin unser schönes Eis gehörte: in den Mülleimer.
Während er sich im Flur seines Jacketts entledigte, brüllte er:
„Alle in die Küche!“
Zu unser aller Überraschung erklärte er der verängstigten Familie – fast euphorisch -, dass wir am Ende der Sommerferien umziehen werden.
Während er sich im Flur seines Jacketts entledigte, befahl er: „Alle in die Küche!“
Zu unser aller Überraschung erklärte er der verängstigten Familie – fast euphorisch -, dass wir am Ende der Sommerferien umziehen werden.
Er habe ein Haus gekauft. – Ein Schnäppchen, dreißigtausend Mark.
Woher er das viele Geld genommen haben könnte, blieb sein Geheimnis. Er war der Herr und Gebieter im Haus.
Dafür hörten wir das erste Mal in unserem Leben, den Namen eines uns unbekannten, kleinen Ortes im Westerwald.
„Näher zu Opa und Oma“, wie er uns schmackhaft machen wollte.
Ich wusste, was er tatsächlich gemeint hatte: Näher zu seinen Eltern.
Mir war sogleich klar, dass damit eine erneute Flucht meiner Mutter und uns Kindern zu ihren Eltern, nur kaum sechs Kilometer entfernt, aussichtslos schien.
Ganz unabhängig davon, dass die beiden letzten Fluchtversuche kläglich gescheitert waren. Meine Mutter konnte den schleimigen Beteuerungen des Mannes, ein anderer, gar ein besserer Mensch zu werden, nicht widerstehen.
Was nun?
Irgendein Dorf im Westerwald. Ein Wechsel in die Einöde. Ein Schock für uns. Ein Schock für mich. Was würde aus meiner Schulkarriere werden?
Diese Gedanken und Gefühle waren schon schlimm genug.
Es sollte schlimmer werden.
Und das an einem so schönen Wochenende.
Seine befohlene Sitzung war damit noch nicht ganz zu Ende.
„Ach ja, bevor ich’s vergesse“, sagte er und sah mich dabei hämisch triumphierend an, „ich hab’ dich schon mal von der Schule abgemeldet.“
An einem schönen Wochenende (Ex)
Wie könnte die Geschichte des Icherzählers weitergehen?
Vielleicht rettet ihn die Bildungsreform von 1970 unter der sozialliberalen Regierung von Willy Brandt.
Oder ganz anders weiter erzählt.
Ich habe ihn gefragt, ob er den ersten Satz aus Max Frischs „Stiller“ aus dem Jahre 1954 kenne. Er war empört.
Und ich hätte es wissen müssen. Wie konnte ich vergessen, dass es das wichtigstes Buch meines Protagonisten ist?
„Ich bin nicht Stiller.“
„Ich bin nicht der, von dem ihr glaubt, dass ich es sei“, hatte er interpretiert.
Nach meiner unbedachten Frage schob er nach:
„Du hättest mir auch gleich meinen ersten Satz für deine Geschichte vorschlagen können:
„Ich bin nicht Ich“.
Und ich hätte dir geantwortet:
„Ich bin nicht das Ich, von dem du glauben möchtest, das ich überhaupt ein eigenständiges Ich haben könnte.“
Immerhin ein Satz mit einem Konjunktiv am Ende.
Ich sollte noch einmal mit ihm reden.
Das allein KÖNNTE helfen.
Oder ich frage Fritz Eckenga, der als “Baumarktleiter Kaltenbecher” am Ende seiner Statements gerne sagte:
“Da kannsse ma drübber nachdenken … Viertelstunde? … Schaffst du schon.”
Wo bin ich?
Wo bin ich?
© H. Jürgen Hoffmann, Apr. 1992
Wenn das, was ich wirklich gesucht habe, wirklich geworden ist,
– wie gehe ich damit in der Wirklichkeit um?
Wenn ein Gefühl mir hundert Worte entreißen will,
mein Kopf sie aber nicht freigibt.
– Wie gehe ich damit in der Wirklichkeit um?
Wenn meine Zunge Sätze über die Lippen bringen will,
aber mein Mund verschlossen bleibt.
– Wie gehe ich damit in der Wirklichkeit um?
Wenn mein Körper tausendmal die Nähe spüren will,
aber mein Kopf gegen eine Wand schlägt.
– Wie gehe ich damit in meiner Wirklichkeit um?
Und – wo bin ich dann?
Wie lange noch Ligurien? (Nov. 2008)
Wie lange noch Ligurien?
© H.Jürgen Hoffmann, im November 2008
Am urigen Ligurienstrand
Auf felsig hoher Höhe
Lieg‘ ich auf einem Felsenrand
Und habe große Möhe …
Mich festzuhalten
Denn der Wind,
Wollt‘ ganz geschwind
Mich einfach falten
Und mich vom Gesimse spalten.
In heldenhaftem Kampf
Kann‘ ich’s gerade noch vermeiden.
In gekrallten Fingern schon der Krampf.
Ich kann so’n Sturm nicht leiden!
Die Wellen stürzen an die Felsgebinde
Das ist ganz schöne anzusehen
Dafür sind sie gut, die Winde.
Weh’n sie mich weg, ist’s nicht so schön!
Ob Wind, ob Sturm, ob auch Taifun
Hab‘ ich denn nichts anderes zu tun,
Als ständig mich zu wahren
Vor solcher Art Gefahren?
Ich will hier sitzen nur, und schau’n
Will träumen nur, und seh’n
Will mich erholen und auf Ruhe bau’n
Und dann relaxt nach Hause geh’n.
Ach! Diese Klimakatastrophen,
Winde weh’n in Stärken
Die keiner hat bestellt
Und langsam enden meine Strophen
Wie lang‘ weiter dreht sich noch die Welt?
Süße Illusionen? (Dez. 2025)
Tue Gutes – Eine völlig verkorkste Geschichte
© H. Jürgen Hoffmann, Dez.. 2025
Ein sechsjähriges Kind kommt aus der Schule und stolpert über eine unachtsam dahingeworfene, leere Flasche. Dabei verliert es seine mit Zuckersüßem prall gefüllte Schultüte. Der Inhalt ergießt sich auf dem Boden des Bürgersteigs und der angrenzenden Straße. Einige Leckerli verschwinden für immer im Gully. Das Kind weint bitterlich ob der verlorenen Schätze.
Doch da scheint Hilfe zu nahen. Ein auf der gegenüberliegenden Seite der Straße vorüber eilender Reiter zügelt seinen Zossen und bewegt sich langsam auf das weinende Kind zu. Der Reiter trägt einen weiten roten Mantel und einen langen weißen Bart im Gesicht.
„Was ist dir, mein Kind?“
„Ich habe alle meine Süßigkeiten verloren“.
„Nicht alle“, erwidert der alte Mann, steigt vom Pferd und schiebt mit seinen Stiefeln die letzten Süßstoffe von Bürgersteig und Straße langsam in den Gully.
„Siehe“, spricht er das Kind an, das mit großen, ungläubig erweiterten Augen den Mann ansieht, „siehe, nun erst sind sie ALLE weg. Und das ist gut so“.
Bevor das Kind nach dem rüden Grund des ihr fremden Mannes fragen kann, spricht der Bärtige weiter:
„Sei nicht traurig um des Zuckers Verlust. Du wirst eines schönen Tages dafür die wunderbarsten, die allerschönsten Zähne in der ganzen Welt haben“.
Damit steigt er auf sein Pferd und reitet von dannen.
Durch des Kindes Geschrei aufgeweckt, kommt die Mutter gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wer ihrem Kind geholfen zu haben schien.
Sie ruft dem freundlichen Mann hinterher: „Danke, Herr Gelbzahn, vielen Dank!“
Das Kind schaut die Mutter mit großem, ungläubig-fragendem Blick an.
„Wer war das“, fragt es.
„Das war Herr Gelbzahn, unser Zahnarzt“.
Ein Weckruf (Mai 2025)
Samstag, 8:00 Uhr
Der Wecker klingelt. Im Halbschlaf klopft ein Gedanke an meine Erinnerungstür.
„Hallo, aufwachen! Ein Aufgäbchen wartet auf deine Aufmerksamkeit!“
Nicht jetzt, denke ich, um 15:00 Uhr ist auch noch Zeit. Mit geschlossenen Augen versetze ich dem Wecker einen gezielten Handkantenschlag. Er möge sich bitte noch eine viertel Stunde bedeckt halten und mir den letzten morgendlichen Schlummer gönnen.
Danke!
Immer noch Samstag, aber 15:00 Uhr
Dieses Mal klingelt mein Smartphone. Pünktlich. Niemand wird hier durch das Klingeln gestört. Während es für andere Mitmenschen nichts Aufschreckendes hat, dröhnt mir der Kopf. Ein schneller Griff in die Jackentasche, dass Phone greifen und den Lärmpegel wegwischen.
Stille im Kopf.
Denkste!
Ich sitze im Café und schaue auf. Leichtes Stimmengewirr. Menschen im Zwiegespräch, untermalt von leiser Jazzmusik. Heute liegt nicht nur ein leichter Kaffeegeruch im Raum. Ein Pärchen gegenüber hat Tee bestellt. Minze und Ingwer.
„Das nehme ich auch“, sagt die Dame am Tisch neben mir bei der Aufnahme der Bestellung.
Ingwer ist nicht so ganz mein Ding. Ich vermute, weil es so gesund sein soll. Ich bleibe beim kleinen Kaffee mit etwas Milch, ja, auch mit etwas Zucker. Der Caféhausbesitzer stellt mir obligatorisch ein Glas Wasser hin.
„Du musst viel trinken!“ Das sagt er jedes Mal.
Draußen vor der Tür steht – nein: nicht Wolfgang Borchert. Es ist die geistig hellwache pensionierte Lehrerin. Ihr Alter? – Ich schätze irgendwo um die Mitte 85 Jahre. Sie trägt – wie immer — bunt. Auf dem Kopf ihre typische Wollmütze mit den herabgelassenen Ohrenklappen. Es ist frisch draußen, für einige gar kalt.
Der Caféhausbesitzer läuft zur Tür, öffnet sie, gibt der Pensionärin leichte Stütze und hilft ihr, die kleine Stufe ins Café zu bewältigen.
Wir grüßen uns freundlich. – Wie immer.
Sie greift die Tageszeitung aus dem Regal, setzt sich und wartet auf die bestellte Quiche. Hin und wieder blicken ihre wachen Augen von der Zeitung auf.
Sie registriert alles, was sich im Café tut – und lächelt.
Persil und der Klimawandel
Persil und der Klimawandel
© H. Jürgen Hoffmann, Sep. 2015
Am Ende der Vierzigerjahre des letzten Jahrhunderts hatte Henkel die Idee, die Werbung für eines ihrer Produkte zu revolutionieren und eine Vorahnung davon bekommen, dass Werbung verführen und zu falschen Schlüssen führen kann. Also in Henkels Sinne.
Die Idee vom aufkommenden Klimawandel ungewollt inbegriffen.
Am Nordpol, so der Tenor der Waschmittelwerbung, lebten zufällig Eisbären, Füchse und Pinguine.
Wohlgemerkt: Am Nordpol – Eisbären und Pinguine vereint. Geografisch waren Henkels Schergen ebenso weit von der Wirklichkeit entfernt wie deren Werbekampagne von der Wahrheit.
Also zurück zur Kampagne:
Alle Tiere waren so lange weiß, bis die Sonne das Eis zu schmelzen begann und die armen weißen Tierchen nacheinander in braune Pfützen fielen. Nun kam – wie hätte es anders sein können? – die Rettung in der Form eines Zufalls. Ein vorbeifahrender Matrose auf einem kaum nordpolgeeigneten Schiff hatte – ein weiterer Zufall – eine Packung Persil in seinem Seesack.
Das traf sich gut. Durch die Anhäufung dieser vielen Zufälle konnten alle Tiere wieder weißgewaschen werden.
NEIN! Nicht alle.
Bei genauerer Betrachtung hatte die Anhäufung dieser Zufälle leider auch seine Begrenzung. Und die traf ausgerechnet die armen Pinguine, die sowieso an diesem Ort nichts zu suchen hatten.
Das Wunderpulver hatte nicht mehr für alle ausgereicht. Und so bekamen die verdreckten Pinguine wenigstens noch eine ‚weiße Weste‘ zum verdreckt-braunen Frack.
Da hatten die Pinguine aber noch mal Glück gehabt, könnte man meinen. Zumindest dachten einige Nazischergen nach dem Krieg daran, sich reinwaschen zu lassen, und beriefen sich auf ihre eigentlich doch so „weißen Westen“. Einer behauptete gar, er sei ein Pinguin, was allerdings einer erneuten Rasseuntersuchung zum Opfer fiel. Der Mensch hatte schlicht und einfach gelogen oder in seiner schlichten Denkweise angenommen, alle deutschen Menschen seien von nun an Pinguine.
Was aber blieb, war das doppeldeutig bewertete und vor aller Gerichtsbarkeit gültige neue Schein-system.
Der Persilschein konnte von nun an jede schwarzbraune Weste kurzerhand weiß erscheinen lassen.
Mit dem Werbespruch „Persil bleibt Persil“ hatte sich die Firma Henkel durch die Nazizeit manövriert und bis heute dafür gesorgt, dass Persil bleibt – wo immer es ist.
Vom Schmutze befreit sind Hirn und Wäsche.
„Persil“.
NACHSCHLAG
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Ratschläge für eine gute Ehefrau (Sep, 2019)
Ratschläge für eine gute Ehefrau
© H. Jürgen Hoffmann, Sept. 2019
Ich werde die Zeit der 1950er Jahre in meinem späteren Leben als staubgrau in Erinnerung behalten. Politisch wie gesellschaftspolitisch. Vor allem, was das Leben in der Familie angeht. Ich werde recherchieren und feststellen, wie Leben gestaltet worden ist und was es mit mir so gemacht haben wird.
Ich erlebte eine Zeit, in der Ehemänner als die „Hausherren“ und die Mütter gerne als „die gute Seele des Hauses“ bezeichnet wurden. Damit eine solche Einteilung auch gut funktionieren konnte, gab es schon damals zu Hauf Ratschläge für „die gute Ehefrau“.
Gerne auch als Handbuch erhältlich.
Für Männer gab es Tipps, wie eine Zündkerze zu wechseln sei. Der Unterschied machte es.
Die Rollenverteilung war damals – und bis heute – in sehr konservativen Denk-und Glaubensgruppen klar und eindeutig.
Diskussionen über eine fehlende Gleichberechtigung waren damals wie heute bereits im Keime erstickt, bevor “Radikale” überhaupt anfangen konnten, gesellschaftliche Umsturzideen zu verbreiten. Das glaubten und glauben viele Männer und sonnen sich in Teilen bis heute darin.
Ich habe einmal ein paar wenige Zitate aus einer Ausgabe der britischen Zeitschrift „Housekeeping Monthly“ vom 13. Mai 1955 herausgesucht.
Viele werden sich an dieses „düster-skurrile Sittenbild“ erinnern, das eine „Partnerschaft in den 50er-Jahren“ zusammenfasst und das auch noch ein „unumstößliches Plädoyer für das wahre Leben in einer Ehe“ suggerierte.
Leider kehrt diese Form der gesellschaftlichen Vergewaltigung wieder verstärkt zurück. Genährt durch „Social Media“, wo sich junge Frauen „mit Freude“ und – vor allem: freiwillig – dem Joch der Hausfrau unterwerfen wollen, ohne es als Joch zu bezeichnen.
Hier die Zitate aus 1955:
– Hören Sie ihm zu. Sie mögen ein Dutzend wichtiger Dinge auf dem Herzen haben, aber wenn er heimkommt, ist nicht der geeignete Augenblick, darüber zu sprechen. Lassen Sie ihn zuerst erzählen – und vergessen Sie nicht, dass seine Gesprächsthemen wichtiger sind als Ihre.
– Machen Sie es ihm bequem… Schieben Sie ihm sein Kissen zurecht und bieten Sie ihm an, seine Schuhe auszuziehen.
– Beklagen Sie sich nicht, wenn er spät heimkommt oder selbst wenn er die ganze Nacht ausbleibt. Nehmen Sie dies als kleineres Übel, verglichen mit dem, was er vermutlich tagsüber durchgemacht hat.
– Zweifeln Sie nicht an seinem Urteilsvermögen oder seiner Rechtschaffenheit. Denken Sie daran: Er ist der Hausherr… Sie haben kein Recht, ihn in Frage zu stellen.
– Eine gute Ehefrau weiß stets, wo ihr Platz ist.
– Verwöhne IHN!
– Halten Sie das Abendessen bereit. Planen Sie vorausschauend, evtl. schon am Vorabend, damit die köstliche Mahlzeit rechtzeitig fertig ist, wenn er nach Hause kommt. So zeigen Sie ihm, dass Sie an ihn gedacht haben und dass Ihnen seine Bedürfnisse am Herzen liegen. Die meisten Männer sind hungrig, wenn sie heimkommen und die Aussicht auf eine warme Mahlzeit (besonders auf seine Leibspeise) gehört zu einem herzlichen Empfang, so wie man ihn braucht.
– Machen Sie sich schick. Gönnen Sie sich 15 Minuten Pause, sodass Sie erfrischt sind, wenn er ankommt. Legen Sie Make-up nach, knüpfen Sie ein Band ins Haar, sodass Sie adrett aussehen. Er war ja schließlich mit einer Menge erschöpfter Leute zusammen.
– Seien Sie fröhlich, machen Sie sich interessant für ihn! Er braucht vielleicht ein wenig Aufmunterung nach einem ermüdenden Tag und es gehört zu Ihren Pflichten, dafür zu sorgen.
Verhaltensmuster für das traute Heim …
– Räumen Sie auf (…)
– Während der kälteren Monate sollten Sie für ihn ein Kaminfeuer zum Entspannen vorbereiten. (…)
Letztendlich wird es Sie unglaublich zufriedenstellen, für sein Wohlergehen zu sorgen.
– Machen Sie die Kinder schick. (…) Vermeiden Sie jeden Lärm. Wenn er nach Hause kommt, schalten Sie Spülmaschine, Trockner und Staubsauger aus. Ermahnen Sie die Kinder, leise zu sein.
– Seien Sie glücklich, ihn zu sehen.
Und all dem folgt das, was als Motto eines jeden guten Handbuches für die Ehefrau der 1950er Jahre den Inhalt treffend wiedergibt:
„Opfere dich auf – ER ist der Chef!“
Anders ausgedrückt: „Opfere dich auf – Du Opfer!“
Eines der ganz, ganz wichtigen Ratschläge für Frauen, die sich einen Mann angeln wollen, lautete im Übrigen:
„Stelle Toupets her und verkaufe sie – Männer mit Glatze sind leichter zu haben.“
Im Übrigen zu finden in der Frauenzeitschrift „McCall’s“ aus dem Jahre 1958;
Vielleicht kann mir an dieser Stelle geholfen werden: Ich habe diesen Rat nicht verstanden.
Wenn eine Frau Toupets herstellt und verkauft und gleichzeitig davon auszugehen hat, Männer mit Glatze leichter haben zu können, welche Funktion haben dann verkaufte Toupets?
EGAL! – Ich habe diese Büchlein irgendwo zu Hause. Leider habe ich es auf die Schnelle nicht mehr orten können.
Vielleicht klemmt es einsam zwischen „Lederstrumpf“ von Daniel Defoe und „Adenauer“ von Hans-Peter schwarz.
Wie komme ich im Zusammenhang mit den 50er-Jahren gerade jetzt auf dieses Bild? – Lederstrumpf und Adenauer.
Liebe ist nur ein Traum (Apr 2026)
Die Liebe ist ein Traum
© H. Jürgen Hoffmann, Apr. 1992
* Als Jugendliche glaubten wir an eine Liebe à la Beatles, Sagan, Woodstock.
* Wir machten Sex und waren allenfalls verliebt.
* Mit dem Verlieben begann das Verbiegen des anderen,
* dann das Verbiegen des Selbst – ohne zu wissen, dass unser Selbst bereits verbogen war.
* Und dann?
* Ehe …
– es mit unserer Illusion abwärtsgehen sollte,
glaubten wir sie endlich begriffen zu haben. – Die Liebe.
* Besiegelt ging sie dann schnell den Bach hinunter.
* Von da an wollten wir nur noch uns selber lieben.
* Das schien unser Schlüssel zu sein: das Selbst.
* aufrichtiges Wahrnehmen des Ich im Du.
* Das Staunen in uns selbst.
* Das Staunen über den erträumten geraden Weg,
den das Du zu meinem Selbst aufgenommen zu haben schien.
* Ein Traum vom eigentlich ohnmächtigen Sein des Ichs im Du.
* Die Liebe blieb ein Traum.
Alleinsein in der Einsamkeit (Apr 2026)
Alleinsein in der Einsamkeit
© H. Jürgen Hoffmann, Apr. 2026
– In der Stille atmet die Nacht, ein leises Drehen von Schatten, die keine Namen tragen.
– Der Raum ist ein Meer aus flüchtigen Hüllen, und mein Herz schaut durch Glassplitter auf die Sterne, die fern wie ferne Versprechen glühen.
– Das Alleinsein legt sich wie ein alter Mantel über die Schultern, schwer, doch seltsam vertraut, als wäre Einsamkeit die einzige Sprache, die mein Atem überhaupt versteht.
– Ich lasse die Wände atmen, höre ihren sanften Widerhall aus Erinnerungen, die sich in geduldigen Linien ordnen.
– Gedanken ziehen karge Schleifen.
Doch ich folge ihnen ohne Eile, ohne Ziel, nur mit dem Jetzt im Gepäck.
Jeder Augenblick ist ein kleines Universum, das sich selbst entdeckt.
– Die Türen bleiben offen. Nicht zum Weglaufen, sondern zum Zuhören: Was sagt der Raum, was sagt das Schweigen?
– Ich fülle die Hände mit Luft, sammle Worte wie Kiesel, lege sie ins Morgenlicht, lasse sie springen.
Vielleicht ist Einsamkeit kein Feind, sondern eine stille Gartenanlage, in der einsame Samen wachsen.
– Und vielleicht wird mit jedem Atemzug die Ahnung wahr:
Dass auch im Alleinsein eine andere Welt geboren wird, hell und unendlich, zu hören nur, wenn ich lausche.
Die Struktur des Alleinseins (Apr 20226)
Die Struktur des Alleinseins
© H. Jürgen Hoffmann, April 2026
Einsamkeit ist keine Abwesenheit von Menschen —
sie ist die Anwesenheit des ungelebten Lebens.
Ich kann inmitten von Stimmen verloren sein
wie ein Schiff, das vergessen hat, was ein Hafen bedeutet.
Ich kann allein sitzen und vollständig sein wie ein Stein am Fluss,
dem das Wasser nichts schuldet.
Der Unterschied:
Ob du dich selbst als Begleitung erträgst.
Die stille Wahrheit der Einsamkeit (Apr 2026)
Die stille Wahrheit der Einsamkeit
© H. Jürgen Hoffmann, April 2026
Vielleicht ist das die stille Wahrheit:
Einsamkeit ist nicht das Gegenteil von Liebe.
Sie ist ihr Fundament.
Wer sich selbst begegnet ist,
in der langen Nacht des Alleinseins,
wer dort geblieben ist, ohne zu fliehen —
der bringt sich – wenn er kommt.
Und das ist nicht nichts.
Die atmende Stille (Apr 2026)
Die atmende Stille
© H. Jürgen Hoffmann, April 2026
Manchmal setzt sich die Stille
wie ein Vogel auf die Schulter —
schwer und federleicht zugleich.
Ich höre das Ticken der Uhr,
als wäre sie neu erfunden.
Ich höre das Rauschen des eigenen Blutes
in den Ohren, wie ein fremdes Meer.
Die Dinge im Zimmer halten den Atem an.
Der leere Stuhl neben mir wartet auf niemanden.
Das Glas auf dem Tisch ist halb voll mit dem,
was gestern noch jemand berührt hat.
Alleinsein ist kein Fehlen.
Es ist ein Raum, der sich langsam um den eigenen Atem herum formt.
Ich lerne, wie ich selbst klinge, wenn niemand zuhört.
Ich höre das leise Murmeln meiner Gedanken – bevor sie zu Worten werden,
während draußen Schatten unter Laternen laufen.
Sie tragen ihr eigenes Schweigen in den Taschen,
sorgsam gefaltet – wie ein Brief, den man nie abschickt.
Und ich sitze – und brauche nichts als diesen Augenblick,
der sich weit macht wie ein Feld, das leer ist und voller Möglichkeiten.
Das Selbst, das sich selbst begegnet.
Die Psychologie der Stille (Apr 2026)
Die Psychologie der Stille
© H. Jürgen Hoffmann, April 2026
Das Gehirn, das auf Bindung gebaut wurde, gibt nicht kampflos auf.
Es erfindet Gespräche.
Es wiederholt alte Worte in neuer Betonung,
es sucht Gesichter in Mustern an der Wand.
Einsamkeit ist biologischer Schmerz —
so haben es die Forscher gemessen.
Im selben Hirnbereich
wie gebrochene Knochen.
Wir sind Herdentiere in einem Käfig,
den wir Individualität nennen – und nicht loslassen wollen.
Es gibt sie, die eine Einsamkeit, die man sich verdienen muss.
Die Einsamkeit des Denkens, das sich traut, ganz weit zu gehen
– ohne Geleit.
Die Einsamkeit des Schreibens,
wenn der Stift weiß, dass ihm niemand über die Schulter schaut.
Die Urwunde
Die Urwunde
© H. Jürgen Hoffmann, April 2026
Bevor du einen Namen hattest, warst du bereits allein —
ein Puls im Dunkel,
getrennt von allem,
was dich trug.
Die Geburt ist der erste Verrat:
Herausgestoßen aus der Einheit in die grelle, kalte Vielheit.
Seitdem sucht der Mensch, was er nie wieder findet —
das Vor-dem-Ich.
Kierkegaard nannte es Angst.
Freud nannte es Sehnsucht.
Die Mutter nannte es einfach:
“Komm”.
Der Spiegel ohne Rand (Apr 2026)
Der Spiegel ohne Rand
© H. Jürgen Hoffmann, April 2026
Sartre schrieb: Die Hölle, das sind die anderen.
Doch er vergaß: auch die Einsamkeit hat ihre Höllen.
Wenn kein Blick von außen mir sagt, wer ich bin,
wenn ich mich selbst anschauen muss, ohne die Brille fremder
Erwartungen —
dann zittert mein Ich.
Wer bin ich, wenn mich niemand ansieht?
Wer bin ich, wenn niemand antwortet?
Vielleicht genau das:
das Zittern selbst.
Zitate
Zitate
„Nichts wird der Patient so gründlich, so lange und so tief verstecken müssen wie sein wahres Selbst.“
MILLER, Alice (1979), Das Drama des begabten Kindes
„Das Denken kann uns nur zur Erkenntnis führen, daß [sic] es selbst uns die letzte Antwort nicht geben kann. Die Welt des Denkens bleibt in Paradoxien verfangen. Die einzige Möglichkeit, die Welt letztlich zu erfassen, liegt nicht im Denken, sondern im Akt, im Erleben von Einssein.“
FROMM, Erich (1956), Die Kunst des Liebens
„Der Kampf des Menschen gegen die Macht ist der Kampf des Gedächtnisses gegen das Vergessen.“
KUNDERA, Milan (1980), Das Buch vom Lachen und vom Vergessen
„Er fühlte sich für sein Schicksal verantwortlich, wogegen sich sein Schicksal für ihn nicht verantwortlich fühlte.“
KUNDERA, Milan (1980), Das Buch vom Lachen und vom Vergessen
„Der Riß [sic] der durch die Welt geht, läuft eben auch durchs Ich.“
BRÜCKNER, Peter (1980), Das Abseits als sicherer Ort – Kindheit und Jugend zwischen 1933 und 1945
—
In Robert Seethalers Roman „Die Straße“ habe ich ein Wort gelesen, das ich seit Jahren nicht mehr gehört habe – Haderlump.
Wer weiß denn so was? War es
A – eine ausgestorbene Fischart im Bodensee
B – eine uralte Bezeichnung für einen eingefrorenen Alpenmenschen aus der Kupferzeit
C- ein österreichisches Schimpfwort für einen Habenichts oder Taugenichts
Die Lösung:
Natürlich C (Wer weiß denn so was nicht?)
Das Wort „Hader“ ist eine Tautologie, wird hergeleitet vom Althochdeutschen „hadara“ („Schafspelz“) und hat den gleichen Wortstamm wie „verheddern“.
ANDERES
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Alter (Feb. 2025)
Alter
© H.Jürgen Hoffmann, im Feb. 2025
Am Anfang werden wir behütet und gepflegt.
Viele Jahre später hat sich das gelegt.
Die Pubertät ist quälende Befreiung,
verbunden oft mit Selbstkasteiung.
Es wachsen Bärtchenflaum und Brüste.
Wir üben uns in Dorf- und Großstadtwüste
Wir suchen uns’ren Lebenspfad,
balancieren oft auf dünnem Draht …
… in Schule, Lehre, Studium,
mit Ehe, Kindern, Opium.
Dann Midlife-Crisis, Eheaus,
Kinder entflieh‘n dem Elternhaus
Doch es sind die jeweils eigenen Geschichten –
und jeder wird sie anders wichten.
Die Zukunft, sagte einst Karl Valentin,
war früher auch mal besser.
Die Suche nach dem Lebenssinn,
stell‘ ich einmal ganz anders hin.
In mancher Meinung über unsere Alten
lassen Junge gern auch Häme walten.
Und es ist nicht sehr vermessen
zu sagen: Alte werden gern schon mal vergessen.
Die Liebe ist ein seltsames Spiel (Dez 2025)
Die Liebe ist ein seltsames Spiel
© H. Jürgen Hoffmann, Dez. 2025
Was suchst du?
– Wenn möglich: die Liebe – und vielleicht ein wenig Glück.
Die Liebe! – Sie ist ein seltsames Spiel. Das wusste 1961 schon die Connie Francis.
Sie wusste, dass die Liebe von einem zum and’ren wandert. Immerhin.
Wie lange suchst du schon?
– Ein Leben lang.
Fündig geworden?
– Nein. – Ich dachte bisher: Findest du die Liebe, wird das Glück mitgeliefert.
Heute frage ich mich: Liebe, Glück, was hätte das sein sollen?
Liebe ist der romantisierte Wunsch,
der aus anfänglichen Schmetterlingen im Bauch
ein Merkmal für eine gemeinsame Zukunft ableitet.
Es sind nicht – Ach, zwei Herzen in unserer Brust.
Es sollen zwei Herzen – bitte schön! – in zwei Körpern,
aber im Gleichtakt schlagen.
Ein gleichwohl unerfüllbarer Wunsch.
Liebe soll bedingungslos sein —
eine Vorstellung, an die vorsichtshalber Bedingungen geknüpft sind:
Vergiss’ niemals den Jahrestag des Kennenlernens – und nie den Hochzeitstag.
Und ein großes Wehe soll über dich kommen, wenn du die Zahnpastatube geöffnet lässt,
– oder schlimmer: Du recht im Streit hast.
Weißt du, was die Wissenschaft über die Liebe sagt?
Dopamin, Oxytocin, sagt sie.
Nichts weiter als chemische Prozesse im Gehirn, nicht ein Gefühl.
Ach, so profan, denkst du, aber schon schäumt sich empört das auf, was gemeinhin als Romantik bezeichnet wird.
Das ist am Leben vorbei geforscht!
Und was ist Glück?
Vielleicht ein leichter Druck auf den Like-Button?
Es poppt ein Kribbeln auf, das morgen schon wieder verschwunden ist.
Es kann schon Glück sein, wenn du nicht durch einen Wald von Eukalytusstangen die Natur erkennen willst, sondern durch einen der Natur überlassenen Forst wandelst.
Es kann schon Glück sein, wenn du endlich mal wieder etwas zu essen bekommst,
ein Dach über dem Kopf hast und nicht in einer Zeltstadt dahinvegetieren musst.
Es mag zum Glücke gereichen, wenn der Ehering, ganz plötzlich und unerwartet, vom Finger rutscht, unauffindbar bleibt und ein deutliches Zeichen zu setzen scheint. Du kannst das Zeichen werten – oder es lassen.
Es kann für manche schon ein Glück sein, wenn die Bahn kommt und man noch hineinpasst.
Ein kleines Glück wäre es, wenn es Freitag Nachmittag minus Montag morgen gäbe.
Was ist Glück, fragten sich bereits die alten Philosophen und begannen zu suchen
– in der Tugend, in der Erkenntnis, im vermeintlichen Einklang mit sich selbst.
Und wo suchen wir heute?
Auf Instagram, zwischen Filtern und fremden Urlaubsfotos.
Ein silvestergeknalltes Hoch auf das Kombipaket Liebe und Glück —
möglichst mit festgeschriebenen und dennoch allgemeinen Geschäftsbedingungen,
die allerdings nur solange gelten wie der Vorrat reicht.
Der Vorrat aus Geduld, Illusionen und Jugend.
Liebe ist verkommen zu einem Marktartikel.
Schminke deine Lippen knallig rot, schiebe dir mit gespieltem Genuss und niedergeschlagenen Augen ‚Mon Cherie! zwischen die Lippen, rasiere deinen Haarbewuchs am männlich definierten Körper.
Ein Liebesmarkt mit Mehrwertsteuer für Gefühle.
Die Rechnung kommt am Ende: Du zahlst mit gestohlener Zeit, mit gegen Dich gewandte Kompromisse, mit fehlendem Schlaf.
Glück soll im Spiegel auftauchen und zeigt Dir das Gesicht der Routine. Die Augen voller Erwartungen, die den Schnalzer der Zufriedenheit in uns auslösen sollen und ein schnelles Selfie mit einer Welt erzeugen, die sich ständig neu definiert.
Liebe, so ist der Wunsch, soll romantisch sein, spontan und authentisch.
Nur die Liebe zählt. Nichts weiter als ein Gauklerangebot, das uns Blumen in die Warteschlange der Routine legt.
Blumen aus Plastik, damit die Blüten nicht schon morgen verwelkt erscheinen.
Und doch: Vielleicht ist Liebe die Kunst, kleinere Schmerzen mit größeren Momenten zu mischen. Und Glück ist vielleicht auch der Mut, weiterzumachen, wenn der Akku fast leer ist.
Unser Wunsch ist, dass uns das inhaltsleere Wort Liebe Orientierung gibt.
Doch Glück ist nichts weiter als ein Kompass, dessen Nadel flackert, wenn der Wind nur mäßig weht.
Was bleibt am Ende der Suche nach Liebe und Glück?
Sag’ es mir, Du, der sie nicht gefunden hat!
Obwohl du hättest gehen können, als dir der Ring vom Finger fiel.
Vielleicht ist es schon ein Glück, wenn du nicht mehr suchst oder einfach aufhörtest zu fragen,
was Liebe ist und Glück sein soll.
Die Liebe bleibt ein seltsames Spiel.
Hat die Zukunft schon begonnen? (Feb. 2025)
Hat die Zukunft schon begonnen?
© H. Jürgen Hoffmann, Feb. 2025
Der Zukunftsforscher Robert Jungk [1] hat in seinem Buch „Die Zukunft hat schon begonnen“ [2] das Fragezeichen weggelassen und weder Punkt noch Ausrufezeichen gesetzt. Wir wissen, dass die Zukunft nur einen Augenblick, nicht einmal eine Sekunde bereits vor uns liegt. Wir wissen allerdings nicht, ob bei der nächsten Bundestagswahl ein anderer Mensch zum Zuge kommt als der amerikanische Hofnarr einer libertären Rechtspartei. Ein autokratischer und gefährlicher Hofnarr, der mit infantilem Gehabe Rache an seinem Vater nimmt und mit einem – sagen wir mal – hassgefüllten Kartoffelsack, den Pakt mit dem Teufel eingegangen ist und sich zum Nebenherrscher der Welt aufschwingen wird. Könnte er damit zum „Jahrtausendmensch“ [3] mutieren? Wir wollen es nicht hoffen und flüchten uns deshalb in die sogenannten Wahrscheinlichkeiten, deren Zukunft nur in wenigen Tagen, vielleicht Wochen wahr oder eben nicht-wahr werden könnten. Der Konjunktiv lässt die Zukunft mehr als offen, mehr als sie überhaupt wahrsagen zu können.
Rückwärts gewandt: Konnten die „Kreuzritter“ am Ende des 11. Jahrhunderts auch nur leise erahnen, für wen und was sie mit dem Kreuze ritten? Und konnten sie auch nur im Leisesten erahnen, wie sich die Ritter der Neuzeit kleiden, mit welchen Waffen sie hantieren und in welcher Art von Rüstung sie auftreten würden? Hätten sie erahnen können, welche „Werte“ diese Neuzeitritter vertreten oder dass sie gar mit Pferden auf vier Rädern unterwegs sein würden. Nein! Das konnten sie so wenig, wie ich es kann, tausend Jahre weiter in die Zukunft zu schauen. Es sei denn, ich beginne zu fantasieren, etwa dass die Erde fast vollständig unter Wasser stehen wird, sich Nacktmolche aus den tiefsten Tiefen der Ozeane haben an Land spülen lassen, sich der Evolution hingegeben, immer größer und größer geworden sein werden und eine kümmerliche Restweltherrschaft etabliert hätten. Eine Restweltherrschaft, die auch noch die letzten Krümel des bis dahin verkümmerten Festlandes ins Brachlose und schließlich dem Wasserboden gleichgemacht hätten. Oder sich gar eine neue Dynastie auf dem Mars etabliert hätte, deren Geruch das gesamte Weltall und somit auch der Resterde und deren Molchen Masken aufgezwungen haben würde. Einem Geruch, der, in riesigen Speichern gelagert, sich aus den Drüsen an den Ärschen längst untergegangener Ochsen hatte entnehmen lassen. Solche Vorstellungen traue ich nicht einmal den Fantasy-Autoren und – Autorinnen einer untergehenden Spezies Mensch zu.
Ich bin bereits froh, wenn sich die allernächste Zukunft nicht schon nach tausend Tagen so derart verwandelt hat, dass die ersten Nacktmolche in einer kleinen
R-Evolution die Küstenabschnitte an den Gestaden der Weltmeere beschleimen und als erstes das Lachen erlernen, das Lachen über die selbst gewählte Dummheit dieser Spezies Mensch.
[1] Robert Jungk (1913 – 1994), Zukunftsforscher mit Lehrauftrag an der FU Berlin
[2] JUNGK, Robert, Die Zukunft hat schon begonnen, Amerikas Allmacht und Ohnmacht, 1952, Scherz & Goverts Verlag GmbH, Stuttgart, 10. Auflage 1954.
[3] JUNGK, Robert, Der Jahrtausendmensch, Bericht aus den Werkstätten der neuen Gesellschaft, 1973, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, München, Gütersloh, Wien 1976
Die Zukunft des Denkens (Aug. 2025)
Die Zukunft des Denkens
© H. Jürgen Hoffmann, Aug. 2025
„Die Zukunft des Denkens“, so die Headline der wöchentlich erscheinenden Zeitung „DIE ZEIT“ vom 31.07.2025, mit dem Untertitel: „Raubt die KI uns die Intelligenz, oder macht sie uns schlau wie nie?“
So, wie die „Zukunft des Denkens“ nicht bereits jetzt Vergangenheit ist, glauben dennoch einige, dass die „künstliche Intelligenz“ mehr und mehr das menschliche Denken ersetzen wird. Wie zum Troste glauben andere, dass es keine Alternative zum menschlichen Denken gibt und es allein deshalb nicht aussterben kann. Anders als bei der KI ist Denken untrennbar mit dem Gefühl, mit menschlichem Erleben verbunden. Das geht einer KI vollständig ab. Ich bin guten Mutes, dass sich menschliches Denken nicht auf ein menschlich suggeriertes Abstellgleis abschieben lässt. Die Zweifel an der Dummheit der Menschheit bleiben dennoch.
Angenommen: Die menschliche Intelligenz wäre eine Konstante bei gleichzeitigem Wachstum der Menschheit. Dann würde – dieser Logik folgend – die Menschheit tatsächlich immer dümmer, während die Intelligenz nach wie vor nur einem kleinen Teil der Menschheit erhalten bleibt.
Wir können auch der Tatsache folgen, dass die Menschheit um 1950 herum bei einer Bevölkerungsgröße von ca. 2,6 Milliarden lag. Heute, im Jahr 2025, liegt die Bevölkerungszahl bei ca. 8,5 Milliarden! Wenn wir nun erleben, dass es schon heute viel zu viele Menschlein (vor allem in den sogenannten kultivierten Ländern der „westlichen Welt“) gibt, die kaum noch aus den Sesseln, von den Sofas oder Stühlen kommt und wenn doch, dann weiter Smartphone wischend und blind gegenüber der Natur und der näheren Umgebung herumlaufen und sich wundern, wenn sie mit Laternenpfählen, Autos, anderen Menschen, Briefkästen kollidieren. Dann steht die von äußeren Interessen geleitete Dummheit tatsächlich in großer Mehrheit und zugleich als tiefschwarze Masse aus einer scheinbar anderen Galaxie vor uns.
Je kleiner die Anzahl der Intelligenzia im Verhältnis zur breiteren Masse von KI-geleiteten Dumpfbacken wird, desto geringer ist auch die Chance einer Gegenoffensive. Ganz abgesehen davon, dass sich auf der Seite der Rest-Intelligenz leider auch und gerade autoritäre Personen, Regierungen und andere Manipulationsmonster befinden, die genau daran Interesse haben, die Dummheit als Mittel ihrer Machtoptionen zu nutzen. Je größer die blind folgende Masse der Dummen, desto größer die Wahrscheinlichkeit von Machterhalt und -erweiterung durch (im Grunde genommen) ebenso dummen, etwa orangefarbenen, gottgleichen Vollidioten. Leider gibt es bereits heute politische Lautsprecher, die sich gottähnlich aufführen, gar daran glauben, Gott selbst zu sein, ohne je diesen virtuellen weißen Mann auf irgendeiner weißen Wolke ohne Hausnummer gesehen zu haben. Schau‘ sie dir an, diese hässlichen selbsternannten Götter.
Der einzige Vorteil, dennoch in jeden Kopf ein KI-Transplantat einzubauen, ist (aus der Sicht hässlicher Götter betrachtet), die Möglichkeit einer weltweiten Vernetzung. Das erspart jede nationale Befehlsgewalt und erübrigt jedwede Form der Manipulation, die ja Arbeit bedeutet.
Es wird keiner Nationalstaaten bedürfen. Wozu auch? Ein virtueller Gott herrscht doch – wenn ich mich nicht irre – über uns alle, weshalb sollte ein selbsternannter Gott nicht das gleiche Anliegen sein Eigen nennen dürfen?
Der Vorteil: Die Manipulation findet nur noch von einem einzigen Ort in der Welt statt, vielleicht im umzubenennenden „Controll Center Houston“ in „Controll Center FreeWorld“.
Wenn schon, denn schon.
Einige in der Gruppe lächeln (Febr. 2024, frei nach Franz Kafka)
Vorlage: Franz Kafka, Ausflug ins Gebirge 1)
„Ich weiß nicht«, rief ich ohne Klang »ich weiß ja nicht“. Wenn niemand kommt, dann
kommt eben niemand. Ich habe niemandem etwas Böses getan, niemand hat mir
etwas Böses getan, niemand aber will mir helfen. Lauter niemand. Aber so ist es doch
nicht. Nur dass mir niemand hilft —, sonst wäre lauter niemand hübsch. Ich würde
ganz gern – warum denn nicht – einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter
Niemand machen. Natürlich ins Gebirge, wohin denn sonst? Wie sich diese Niemand
aneinanderdrängen, diese vielen quer gestreckten und eingehängten Arme, diese
vielen Füße, durch winzige Schritte getrennt! Versteht sich, dass alle in Frack sind. Wir
gehen so lala, der Wind fährt durch die Lücken, die wir und unsere Gliedmaßen offen
lassen [sic]. Die Hälse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, dass wir nicht
singen“.
Eine andere Fortführung dieses kurzen Kafka-Textes.
Einige in der Gruppe lächeln
© H. Jürgen Hoffmann, Feb. 2024
Wir sind in der Wirklichkeit angekommen und gehen eine Weile schweigsam. Niemand
ist mehr ein Niemand, außer Niemand. Hartnäckig hatte er darauf bestanden, bei unserer
Gruppe zu bleiben. Keiner weiß warum. Ein Vorschlag, ihn Nichts nennen zu wollen,
wurde allgemein abgelehnt, weil selbst Niemand kein Nichts sei.
Schweigend bewegen wir uns weiter. Auch Niemand schweigt. Am großen Tor, das
Traum und Wirklichkeit trennt, haben sich alle von ihren Fräcken befreit. Wir sind jetzt
eine vielfältig bunte Gruppe. Außer Niemand.
„Ich bin ein von allen gewählter Opernsänger“, ruft er triumphierend.
„Nicht von allen!“, ruft jemand aus der Gruppe zurück.
Niemand zeigt mit ausgestrecktem Arm auf den Rufer und grinst.
„Opernsänger“, behauptet er, „tragen immer einen Herrenrock und es steckt nicht nur
das Wort Rock in diesem Wort.“
Einige aus der Gruppe legen ihre Stirn in Falten.
Eine Dohle schreit über unseren Köpfen. Wir schweigen. Das Geschrei der Dohlen
gehört zu einem Ausflug in diesem Gebirge wie das Rauschen der Bergbäche. In
unserem ausgewählten Ausflugsgebirge sind sie präsent, also lassen wir sie schreien,
krächzen und spektakeln. Es ist ihr Reich, in das wir eingedrungen sind.
Unvermittelt unterbricht Niemand die Stille, zeigt mit dem Finger auf eine Dohle, die
sich nur wenige Meter von unserer Gruppe entfernt auf einen Felsblock gesetzt hat. Sie
schaut mit verzweifeltem Blick auf den Mann im Herrenrock und schimpft lautstark.
Niemand bewegt sich einen halben Schritt auf den Vogel zu, ohne mit seinem eigenen
Gekrächze aufzuhören.
Schnell gibt die Dohle auf und fliegt davon. Mir scheint, als habe sie den Kopf geschüttelt.
Niemand tritt siegessicher zwei Schritte zurück, bleibt nahe an der Felskante stehen
und schreit weiterhin seine unverständlichen Buchstabenfolgen. Folgen, denen wir
keinen Sinn entlocken können. Dann beginnt er zu singen. Grässlich, einfach nur
grässlich. Kein Genuss für unsere Ohren. Er singt, weil er ein ausgewählter
Opernsänger zu sein glaubt. Aneinandergereihte Töne ohne erkennbare Melodie und
bar jeden Inhalts.
Niemands Töne sind laut und ätzend. Einer aus der Gruppe hält sich beide Ohren zu
und scheint schreien zu wollen. Aber es ist kein Ton zu hören. In diesem Augenblick
hätte er die ideale Vorlage für Edvard Munchs Gemälde gewesen sein können. Hier,
so scheint es einigen, gibt es kein Entrinnen vor Niemand.
„Wir müssen gehen“, sage ich fast flehentlich, „wir müssen nur gehen. Wenn wir
unser Ziel erreichen wollen, müssen wir weiter.“
„Welches Ziel?“ Eine Frau schaut mich mit Unverständnis in ihrem Blick an. „Welches
Ziel?“
„Hier gilt es auszuhalten“, meldet sich ein älterer Herr. „Einfach aushalten. Wider
Willen, gewiss“.
Mit geschlossenen Augen krächzt Niemand und breitet die Arme aus, als wolle er uns
zurufen: Kommt zu mir! Ich bin´s!
Betretene Gesichter. Ratlosigkeit, Erschrecken, Unverständnis. All das kümmert
Niemand nicht. Er sieht nicht, spürt nicht, fühlt nicht. Seine Disharmonien zu beenden,
fällt ihm nicht ein. Ich wage zu vermuten, dass er sie überhaupt als solche erkennt oder
gar erkennen will.
Niemand, so scheint er uns zuschreien zu wollen, will überzeugen, egal wie, egal wo,
egal warum. Er scheint von seinen Argumenten überzeugt, die keiner in der Gruppe
versteht. Zu sorgsam sind sie eingepackt in seinen gekrächzten, unverständlichen und
zusammenhanglos unvollständigen Gesang.
Unvollständigkeit gibt Raum für unterschiedlichste Interpretationen. Ich würde mich
nicht wundern, wenn auch Niemand das weiß.
Unvollständigkeit, da bin ich mir sicher, ist Niemands Konzept. Sein Gesang ist seine
Überzeugung von der Schönheit seines eigenen Tuns und Handelns.
Und Niemand lächelt weiter triumphierend und singend. Dieses Siegerlächeln,
seitdem die Bergdohle schon längst das Weite gesucht hatte.
„Weiter“, rufe ich, „wir müssen weiter.“
Wir wenden uns schweigend ab und setzen unseren Weg fort. Wir wollen an einem
Ziel ankommen, an irgendeinem Ziel, so bepackt wie wir sind, mit unseren so
unterschiedlich vollgestopften, so unterschiedlich schweren Rucksäcken, die wir seit
Beginn unseres Lebens mit uns herumschleppen, ohne zu wissen, welchen Inhalt sie
in sich bergen. Auch Niemand trägt einen schwarzen Tornister über seinem Frack.
Einen Affen, mit einer Fellklappe versehen, so, wie sie von Soldaten getragen wurden.
Er ist vollgepackt und schwer, zieht ihn immer wieder einen kleinen Schritt nach hinten,
lässt ihn taumeln.
„Weiter“, rufe ich noch einmal, „wir müssen weiter.“
„Welches Ziel? Wessen Ziel? Und wo finden wir es?“, flüstert jemand aus der Gruppe.
Ratlosigkeit in den Gesichtern.
Niemands Stimme verfolgt uns. Mit größer werdendem Abstand wird sie leiser und
leiser, gäbe es nicht dieses Echo, dass sich unten in der Schlucht mit uns
fortzubewegen scheint.
Wir schweigen und gehen.
Eine Schar Dohlen begleitet uns – schweigend.
Plötzlich reißt in weiter Entfernung Niemands Stimme ab. Erstaunt bleibt die Gruppe
stehen und schaut zurück. Verwunderung in unser aller Augen. Mit einem letzten,
dumpfen Geräusch verstummt auch das Echo.
Nach einer kurzen Weile des Innehaltens setzen wir unseren Ausflug durch Felsen
und Geröll fort.
Die uns begleitenden Dohlen singen fröhlich.
Unser Schweigen ist leiser geworden – nachdenklicher.
Einige in der Gruppe lächeln.
1) Aus: Franz Kafka, Gesammelte Werke, hrsg. von Max Brod, Taschenbuchausgabe in sieben Bänden,
Fischer Taschenbuch Verlag, ungekürzte Ausgabe, 1976; hier: Band 4, Erzählungen, S. 27
Oder: Franz Kafka, Gesammelte Werke, Anaconda Verlag, München 2012, S. 19
Bem.: Der Anaconda Verlag gehört zur Verlagsgruppe Penguin Random House.
Orchester I (Juli 2025.)
ORCHESTER I
© H. Jürgen Hoffmann, Juli 2025
Es ist ungewöhnlich für ein Orchester. Hinter der großen Pauke, rechts in der oberen Reihe und ein wenig im leichten Schatten platziert, da, wo die Bühnenbeleuchtung nicht hinzureichen scheint, steht ein fünfjähriger Knirps. Die große Kesseltrommel steht exponiert auf einer kleinen Zusatzbühne und verdeckt auf ihrem Gestell stehend den Kleinen. Bei genauem Hinsehen sind hinter dem Gestell gerade noch zwei dünne Beinchen zu erkennen. Sie stecken in Sandälchen und gestrickten Strümpfchen, die bis leicht unter die Knie reichen. Wir glauben, uns zu irren, aber es sind tatsächlich Strümpfe und Sandälchen aus den Fünfzigerjahren.
Hinter dem Timpano, ebenso groß und etwas massig gewachsen, verharrt der Paukist. Links neben ihm, leicht versetzt, ein riesiger Gong. Der Paukist wird während der orchestralen Aufführung vermutlich viel zu tun haben.
Der Dirigent eröffnet das Konzert. Die erste Geigerin, vorne links, beginnt mit einer leisen Melodie. Die Andacht im Publikum unterstreicht die Feinheit der Töne. Gefühlt eine, vielleicht auch zwei Minuten später wird das Spiel der Violine lauter und zwingender. Plötzlich ein dumpfer Paukenschlag, der nicht an diese Stelle gehört. Ein leises Raunen geht durch das Publikum, als die Geigerin irritiert einen Bogenstrich vergisst, anschließend aber professionell weiterspielt. Der Dirigent schickt einen bösen Blick an den Paukisten, der verzweifelt mit den Schultern zuckt und leicht den Kopf schüttelt. Ich war das nicht.
Wieder ein Paukenschlag zur Unzeit.
Jetzt zeigt der Dirigent genervt und mit beiden Händen nach außen und lässt den Taktstock fallen. Das Konzert ist unterbrochen. Zum Publikum gewandt entschuldigt er sich für den peinlichen musikalischen Fauxpas. Wir beginnen in zehn Minuten noch einmal.
Er nimmt den Taktstock wieder auf, zeigt damit auf den Paukisten, begleitet von einem wütenden Blick. Der Mann mit dem großen Klöppel zuckt immer wieder die Schultern, wirkt dabei völlig verstört und schüttelt fassungslos den Kopf. Ich war das nicht! Ich war das nicht!
Der Vorhang fällt.
Hinter dem Vorhang beginnen ein Stimmengewirr und das Klappern und Schieben von Stühlen.
Der Dirigent ist sichtlich aufgebracht.
„Was macht der Kleine bei der Pauke? Bring‘ ihn sofort raus!“
Dem Paukisten tut es leid, aber das gehe nicht, weil der Kleine zu ihm gehört wie die Pauke.
Ein Hin und Her.
Der Dirigent zischt den Paukisten wütend an. „Bring‘ ihn raus! Sofort!“
„Nein! Das geht nicht, aber ich rede mit ihm“.
Wieder Stimmengewirr und das Klappern und Schieben von Stühlen.
Die Orchestermitglieder verlassen für wenige Minuten den Konzertsaal.
Der Fünfjährige steht verstört ob der vorherigen Szenen mit großen Augen vor dem Paukisten. Dann zupft er diesem am Frackschoß.
„Warum war der Mann mit dem Stock so böse? Und warum spielst du nicht, wenn die anderen spielen? Die machen Musik und du nicht? Wenn du nicht spielst, hören dich die anderen doch nicht“.
Der Paukist lächelt. „Wenn ich an der Reihe bin, hören mich alle. Es ist immer ein Paukenschlag. Ein energischer, kraftvoller, unmissverständlicher Paukenschlag. Was will ich mehr?“
Der Knirps gibt sich nicht zufrieden. „Aber wenn du immer mitspielen würdest, hören dich die Menschen doch auch immer“.
Der Paukist seufzt. „Es dient aber nicht der Musik. Ich würde sie kaputtmachen, die Harmonie der Musik zerstören. Und wie du gesehen hast, mir den Ärger meiner Orchesterkollegen und -kolleginnen einhandeln. Zu Recht.“
„Und nur deswegen stehst du die ganze Zeit herum und tust nichts?“
„Wir beide müssen ein wenig mehr Geduld haben. Mit uns selbst, mit anderen, du mit mir, ich mit dir. Unser beider Zeitpunkt für Aufmerksamkeit kommt mal früher, mal später. Aber er kommt. Versprochen.
Und was mich betrifft: Ich will konzentriert bleiben und Geduld haben. Ich will Teil der Musik, Teil des Orchesters sein und bleiben. In jedem Stück wird der richtige Zeitpunkt kommen, in dem ich zeigen kann: Leute, hier bin ich! Und mein Paukenschlag wird gehört wie all die anderen, die mal leise gespielten, die mal laut gespielten Instrumente. Aber mein Paukenschlag setzt Akzente. Was will ich mehr? Ich bin also mit wenig Aufwand im Spiel und Teil der Musik. Und achte einmal darauf: Wenn der dumpfe Klang der Pauke ertönt, fliegen alle Köpfe der Zuhörer zu mir herum, nicht zur ersten Geigerin oder dem Posaunisten, der – fast versteckt – in einer Reihe mit anderen Posaunenspielern und -spielerinnen steht. Mit einem einzigen Paukenschlag werde ich wahrgenommen, gleichsam erhört. Es ist doch das, was wir alle wollen: Wahrgenommen werden. Zu welchem Zeitpunkt ist dabei eher unerheblich. Wir zwei werden uns einfach in Geduld üben und an die Zauberformel denken: Wir werden wahrgenommen.“
Der Junge steht vor dem Paukisten und scheint zu grübeln.
„Wie sollen wir es also im nächsten Teil des Konzertes machen? Mein Vorschlag ist: Wenn du dich geduldig verhältst, werde ich dir zur rechten Zeit den Klöppel geben, und du darfst, auf mein Zeichen hin, auf die Pauke hauen. Das würde außerdem gut passen, weil ich unmittelbar danach den Gong betätigen muss. In der Zeit zwischen deinem Paukenschlag und dem Klang des Gongs könnte ich mich in aller Ruhe auf diese große Aufgabe vorbereiten. Du könntest mir dabei wirklich helfen. Wir beide würden fast gleichzeitig wahrgenommen. Zuerst du, kurz darauf der Gong und ich.“
„Mach‘ ich“, erwidert der Kleine und setzt sich vor die Pauke. „Wie lange muss ich warten?“
„Wie versprochen, ich gebe dir rechtzeitig ein Zeichen.“
Der Vorhang öffnet sich wieder. Die Orchestermitglieder haben ihre Plätze eingenommen.
Mit verdunkelten Augen, einer steilen Stirnfalte zwischen den Augen und einem gequälten Lächeln gibt der Dirigent erneut das Zeichen für die Violinistin. Sie spielt konzentriert und mit Bravour stets die erste Geige.
Der spätere Einsatz der Pauke kommt, wie es auf der Partitur vermerkt ist. Punktgenau.
Ein Gong ertönt in den letzten Schwingungen der leiser werdenden Trommel.
Das Konzert endet unter großem Applaus des Publikums.
Orchester II (Aug. 2025)
Orchester II
© H. Jürgen Hoffmann, Aug. 2025
Damit an dieser Stelle keine Missverständnisse Platz gewinnen: Ich bin der Pauker. Ihr erinnert Euch? Jener Pauker, der dem Orchester-Dirigenten gegenüber behauptet hat, der fünfjährige Knirps gehöre zu mir wie meine Pauke. Und das stimmt immer noch.
Ich will hier nichts beweisen, aber wenigstens diese Geschichte muss sein. Selbst wenn es nur eine Einzige aus unserem gemeinsamen Leben sein sollte. Mir geht es ums Prinzip.
Auf einem gemeinsamen Spaziergang befanden wir uns plötzlich in einem Moorgebiet.
Bitte an dieser Stelle keine Fragen stellen, wie das geschehen konnte. Vielleicht gibt es eine Vorgeschichte dazu. Vielleicht auch nicht. Das Adjektiv ‚plötzlich‘ sagt genug aus und muss reichen.
Ich hatte den Kleinen darauf hingewiesen, die schmalen, etwas feuchten und bei jedem Schritt schmatzende Geräusche hervorrufenden, aber dennoch relativ festen Wege im Moor nicht zu verlassen, weil gleich daneben der Tod lauere. Der Kleine schaute mich an und sagte nichts. Hatte er es verstanden, was ich sagte, oder schien er an meinen Worten zu zweifeln? Zu meiner eigenen Beruhigung entschied ich mich für das Erste. Das schien auch sein Verhalten danach auszudrücken. Fröhlich, so kam es mir vor, sprang er einige Meter vor mir herum, während ich den morbiden Geruch sich zersetzender Natur roch und gleichzeitig etwas Beruhigendes darin empfand. Etwas stirbt ab und bildet sich zu neuem Leben für andere Kreaturen.
Gut, dass ich meinem kleinen Begleiter vertraut habe, dachte ich noch, als er einen leichten Sidestep absolvierte und im Moor landete. Zunächst blieb er ruhig auf der Stelle stehen, sackte bis zu den Waden ein, bis er bemerkte, dass er langsam immer tiefer zu sinken drohte. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Aufkommende Panik in den Augen, sein Kopf ging ruckartig von links nach rechts, als suche er einen Gegenstand, an und mit dem er sich hätte retten können. Nichts dergleichen. Seine Angst, seine Panik erfasste nun den kleinen Körper. Er begann zu strampeln, bekam aber seine Beine nicht mehr aus dem Sumpf. Bis zur Hüfte war er bereits eingesunken. Das ging schneller, als ich zum Unglücksort habe sprinten können.
„Nimm meine Hand“, sagte ich und zog ihn unter den schmatzenden Geräuschen des Teufelsmoores aus dem Schlund der Hölle. Mein erster Impuls war, ihn wegen seiner Dummheit zu schelten. Ich tat es nicht. Woher sollte ein Fünfjähriger wissen, was Gefahr bedeutet oder gar den Tod nach sich ziehen könnte?
Ich wollte ablenken. Mir fiel allerdings auch nichts anderes ein, als ihn zu fragen, wie er das Orchester empfunden habe.
„Gut“, sagte er, „total gut. Musik ist gut.“
Das Leuchten in seinen Augen vertrieb dabei die letzten Schatten seines gerade eben noch sichtbaren Entsetzens.
„Dann gehen wir dahin, wir müssen sowieso noch für die nächste Vorstellung proben.“
Mir schien, als habe er vor lauter Begeisterung auf die Musik den eben noch erlebten Schock eines möglichen Unterganges vergessen.
Der Dirigent hatte sich für heute krankgemeldet und das Orchester angewiesen, ohne ihn zu üben. Wir wüssten ja, was zu tun sei. Das hoffe er zumindest, schob er nach.
Für alle Orchestermitglieder war klar, dass er – allerhöchstens – halb so genial war wie etwa Heribert Adolf Ernst Ritter von Karajan, aber dafür doppelt so autoritär wie dieser. Ihm reichte der Taktstock, um zu glauben, er alleine auf der Welt gebe den Takt an. Für was auch immer. Auch Karajan glaubte an seine eigene Macht der Autorität wie an die Macht seines Taktstockes. Es war nichts Ungewöhnliches, dass der Österreicher, je nach politischer Opportunität, ein kleines Fähnlein am oberen Ende seiner Taktstöcke mitwedeln ließ. Zur gegebenen Zeit war es ein großer weißer Kreis mit einem mittig schwarzen und schräg angeordneten Kreuz auf rotem Hintergrund. Irritierend waren die im Uhrzeigersinn angebrachten Haken an jedem Kreuzende und parallel zum Stock eine sehr klein gehaltene Nummer: 1.607.525. Diese Nummer gab Rätsel auf. War es die Anzahl der bisher verkauften Schallplatten mit den eingespielten Klassikern alter Künstler, oder war es die Mitgliedsnummer bei der NSDAP? Der Interpretationsstreit dauert an. Später bediente er sich eines Fläggelein Österreichs und bei Auftritten mit den Berliner Philharmonikern schon mal der Flagge der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland. Warum diese Miniaturausgabe um einiges kleiner war als die der braunen Diktatur, wird HvK mit ins Grab genommen haben.
Wie dem auch sei: Es herrschte eine gute, ja, entspannte Stimmung bei allen Orchestermitgliedern, die in ihren „Straßenklamotten“ und nicht in ihren schwarzen Zwangsfräcken, Kleidern oder Hosenanzügen erschienen waren.
Mein kleiner Freund saß zunächst im Zuschauerraum, hatte es sich in einem Plüschsessel bequem gemacht und lauschte den Klängen nachgespannter Saiten der Geigen, Gitarren, Lauten, Kontrabässe, Celli und anderer Zupf- und Streichinstrumente. Zwischendrin einzelne Töne aus Blech- und anderen Blasinstrumenten wie Trompeten, Posaunen, Hörnern, Saxofonen, Querflöten, Fagotten, Oboen, Trillerpfeifen. Hin und wieder Schläge auf die Pauke und den Gong. Ein Chaos der Klänge, aus dem jeder einzeln gehörte Ton ein Vorgeschmack auf die Harmonie des Ganzen darbot.
Mit großen Augen und sichtlich hingerissen saß mein Kleiner im Plüschsessel und lauschte.
Irgendwann schien es ihm zu bunt zu werden. Es reichte ihm wohl nicht, all die vertieften Menschen und die Spucke entsorgenden Blecher aus der Distanz zu hören und zu sehen. Wie von einer auf die andere Sekunde saß er zwischen zwei Violinistinnen auf der Bühne, hautnah und freudig hochangespannt. Ich sah, wie er bei den jeweils einzelnen Tönen mitvibrierte, die Töne in sich aufnahm und glücklich wirkte.
Plötzlich flog die große Tür zur Orchesterbühne auf. Der Dirigent, seinen Taktstock in der rechten Hand, ließ den Arm samt Stock nach vorne fliegen und zeigte wortlos auf den Kleinen. Kein Laut war mehr zu hören. Die Blechspieler ließen ergeben ihre Instrumente nach unten gleiten. Ganz leise, kaum wahrnehmbar, tropfte hie und da ein kleiner Spucke Rest aus den Blechen auf die Bühnenbretter. Mit einem Schlag hatte uns der Alltag wieder. Der Kleine erstarrte und zitterte vor Angst.
Mit einem harten Schlag auf meine Trommel endete die Erstarrung der Orchestermitglieder und brachte gleichzeitig einen verblüfften Ausdruck auf das Gesicht des Dirigenten. In seine Sprachlosigkeit hinein zeigte ich mit dem von der Membrane zurückspringenden Klöppel in Richtung des Dirigenten.
Mit den Worten „Das wird ein Nachspiel haben“ wendete sich der Meister gen Tür und verschwand.
Nun beginnt für mich die Zeit des Wartens auf das Nachspiel. Noch bin ich da. Der Kleine im Übrigen auch.
Unter Menschen sitzen (Aug. 2019)
Unter Menschen sitzen
© H. Jürgen Hoffmann, August 2019
Unter Menschen sitzen, die ich nicht kenne.
Unter Träumen erdrückt werden.
Wünsche, die sich auftürmen.
Türme, die ich nicht erklimmen kann.
Tausend Augen, die mich mustern.
Tausend Blicke, die mich töten können.
Zentnerschwere Last auf meiner Seele.
Unterdrückte Schreie im grollenden Gewitter.
Lautloses Rufen aus den Tiefen meiner Seele.
Unter Menschen sitzen, die ich liebe.
An Träumen ersticken.
Aufgetürmte Wünsche ohne Weg.
Augen, die mich mustern.
Blicke, die mich fragend ansehen.
Seelengewichte.
Lautloses Schreien aus der Tiefe meiner Seele.
Unter Menschen sitzen, die mich nicht kennen.
Den Raum zerteilen (1983 / 2025)
Den Raum zerteilen
© H. Jürgen Hoffmann, 03.Okt. 1983, nachbearbeitet 2025
Die Vereinigung des Innen und des Außen –
sie bleibt unser Wunsch.
Die Symbiose von Liebe und Hass –
wird in ihrem vermeintlichen Widerspruch steckenbleiben.
Wir tragen Wunden davon;
sie vernarben und bleiben sichtbar.
Unser Schutz vor Verletzungen bleibt die Distanz.
Liebe und Hass
bleiben getrennte Gefühle.
Meine Träume lösen immer weniger auf.
Meine Träume im Kreis der Verschlingungen.
Meine Verletzlichkeit verbannt meine Gefühle.
Meine Tränen fließen nach innen.
Meine Seele ertrinkt im Strom meiner Tränen.
Wir distanzieren uns.
Wir träumen von einer Nähe,
und dennoch entfernen wir uns von der Verletzbarkeit des anderen –
und verletzen ihn.
Wir überhöhen die Nähe,
und dennoch verharren wir in der Distanz.
Unsere Körper leben,
und unsere Seelen vegetieren dahin.
Wir lieben und hassen weiter.
Jeder für sich.
Die Gefühle der anderen bleiben uns unverstanden,
die eigenen sind uns spürbar näher.
Unsere Angst vor dem Tod
ist die Angst vor unserem Leben.
Tod und Leben, Liebe und Hass.
Die Sehnsucht wird größer mit der Distanz –
von Dir.
Erstarrte Hüllen (Okt. 1983) - nachbearbeitet 2025
Erstarrte Hüllen
© H. Jürgen Hoffmann, 03.Okt. 1983, nachbearbeitet 2025
Zusammengekauert sitze ich
und warte auf deine Fragen.
Deine fragenden Blicke sehe ich nicht,
deine stummen Fragen höre ich nicht.
Meine stummen Schreie …
Sie verhallen lautlos im Nichts –
Wie deine Fragen.
Aus dem Nichts zurückgeprallt,
grinsen sie mich lautlos an.
Ich schrecke zurück –
Und werde kleiner …
Unantastbar stehen wir uns gegenüber.
Wir schauen uns an –
und sehen uns nicht.
Hüllen, die wir anstarren,
bewegungslos.
Pulsierendes Leben, wie Atome im Kernmantel,
ist unsichtbar.
Mikroskopisch kleine Unendlichkeit.
Zusammengekauert sitzt du da und wartest
auf meine Fragen.
In der Kopfhöhle (Aug. 2019)
In der Kopfhöhle
© H. Jürgen Hoffmann, August 2019
Stiche im Kopf,
flackernde Augäpfel hinter geschlossenen Lidern.
In der Dunkelheit das Licht suchen.
Höchste Anspannung hinter zusammengezogenen Augenbrauen.
Die steile Falte auf der Stirn.
In der Höhle sein. Im Kopf sein.
In der Kopfhöhle sein.
Ich habe mich in meine Höhle zurückgezogen.
Was wollen diese Stiche andeuten?
weisen sie auf einen verbarrikadierten Ausgang,
den ich nicht sehe, weil ich ihm den Rücken zukehre?
Die Stiche piesacken mich,
machen mich traurig und wütend zugleich.
Meine Zähne mahlen die Wut klein.
Habe ich zu viel Nähe zugelassen
und nicht bemerkt, dass ich mich selbst vergaß?
Meine Abgrenzung in der Flucht.
Weglaufen und dichtmachen,
mich in meiner Höhle verschanzen.
Will ich dieses Alleinsein,
ohne Bedürfnisse nach Liebe und Zärtlichkeit?
Fragen, die mich zerdrücken bis zum Zerplatzen!
Alles oder gar nichts!
Keine Halbheiten!
Ich will keine Halbheiten!
Ich weiß nicht, wie das Ganze aussieht, will aber keine Halbheiten.
Ich will Klarheit
und weiß nur nicht – welche.
Meine Klarheit ist trübe.
Es scheint mir, als sei noch einiges zu tun.
Du bist wie dein Vater (Okt. 2023)
Du bist wie dein Vater
© H. Jürgen Hoffmann, Okt. 2023
Du bist wie dein Vater,
schleudern mir die Stimmen entgegen.
Es ist keine Liebe in ihren Augen,
und sie sehen nicht,
was hinter der Hülle verborgen liegt,
die sie anschreien.
Ein Standbild von mir,
eingefroren in ihren Köpfen.
Ein Bild eines Seins,
das geformt ist aus frühen Erinnerungen.
Die Schreienden sind es, die nie die Dunkelheit kannten,
die mich umhüllt.
„Ich bin nicht wie er!“
Mein verzweifelter Schrei.
Doch sein Echo hallt zurück,
und bestätigt deren Bild,
das sie längst von mir gezeichnet haben.
Und die Jahre dazwischen?
Mein inneres Schattenreich,
in dem kein Licht aufleuchtet,
da, wo Leben erstickt,
und die Seele still verweht.
Die Bilder hinter ihren Augen
sind fest verankert, unveränderbar –
wie in Stein gemeißelt.
Kein Sehen, kein Fühlen von Veränderungen.
Keine Fragen nach dem Warum.
Ich trage die Last der Stille,
der Missverständnisse und Schmerzen,
lautstark versteckt in einem Namen,
den sie mir immer wieder zuschrien:
„Vater – der du bist!“
„Ich bin nicht wie er!“
Der verzweifelte Ruf aus der Tiefe meiner Seele.
Er bleibt unverstanden und verloren
in einem Raum voller Gesichter,
die unerschütterlich an ein Standbild in ihrem Kopfe glauben.
Wie oft haben ihre Rufe mich verletzt?
Diese Kluft zwischen Sein und ihrem Schein,
zwischen meinem Herzen und deren Blick!
Werde ich es je wissen?
Werden sie je fragen?
Wann werden sie begreifen,
dass kein Mensch sein kann wie ein anderer?
Werden sie je feststellen,
dass ich nie wie der Vater sein konnte?
Was bleibt, ist ihr Schein und nicht meine Wirklichkeit.
Die Sonne sinkt ins Bergmassiv (2015)
Die Sonne sinkt ins Bergmassiv
© H. J. Hoffmann, Nov. 2015
Die Sonne sinkt ins Bergmassiv,
zwei Wand’rer folgen ihren Schatten,
beim einen sind die Zähne schief,
der and’re trägt zwei Latten.
Frag‘ jetzt nicht, warum er’s tut.
Ich kann es dir nicht sagen.
Vielleicht aus Freud‘, vielleicht aus Wut.
Die Gedanken will ich einmal wagen.
Sieh! – Im Schatten an der kalten Wand
senken sich der Gämsen Lider!
Ist es nicht ernstlich sehr riskant,
stehend schlafend, immer wieder?
Über all dem schleicht das Dämmerlicht
ganz langsam in die Nacht.
Nun seh´ ich auch die Wanderer nicht.
Der Mond steigt auf und hält die Wacht.
Die Sonne sank ins Bergmassiv,
zwei Wand’rer folgten ihren Schatten,
beim einen war´n die Zähne schief,
der and’re trug zwei Latten.
Wer schwitzt sich da den Berg hinauf (Sept. 2025)
Wer schwitzt sich da den Berg hinauf
© H. Jürgen Hoffmann, Sept. 2025
„Schau‘, wie sie schwitzen.“
Zwei alte, von Arbeit und Sonne gegerbte Südtiroler sitzen im Schatten eines Baumes auf einer knorrigen Bank, die mehr Geschichten als Rückenlehnen hat. Vor ihnen spannt sich das geteerte Band einer steilen Bergstraße von der kleinen Ortschaft bis hinauf aufs Joch.
„Erinnerst du dich?“, fragt der Alte mit dem speckigen Hut auf dem Kopf seinen Nebenmann. „Erinnerst du dich noch an die Zeiten, als hier weniger Autos im Stau gezählt wurden als diese neue Generation von jungen, über sechzigjährigen Fahrradfahrern und -innen. Allesamt hineingequetscht in enge – wie heißt das noch?“
Beide schauen synchron auf ihre blauen Schürzen und lachen.
„Funktionskleidung“, prustet der Alte mit dem Stock, auf den er seine linke Hand gelegt hat.
„Sie glauben wohl, die neuen Berggötter zu sein“.
„So könnte man meinen“, wirft der Alte mit dem Hut ein. „Sie sind wohl fest davon überzeugt, wer schon in schier endlosen Schlangen keuchend einen Berg hinaufradelt, muss es geschafft haben, in den Olymp der Götter aufgenommen worden zu sein.“
„Eines steht aber fest“, ergänzt der andere, „keiner dieser Herrschaften trainiert für die Giro d’Italia“.
Sie tuscheln weiter über alternde Radler und Radlerinnen, und darüber, wer ihnen wohl eingeredet haben mag, auch im Alter Sport zu treiben, und das auch noch am besten mit Fahrradfahren in „Funktionskleidung“. Die beiden machen sich lustig über die Strampler, die hier schwitzend den Berg hinauf – wenn man es so nennen will – radeln. Schlimm sei es allerdings, resümieren sie, und das sei partout keine Augenweide, dass unbedingt die „richtige“ Kleidung dazugehören müsse. Vermutlich, weil sie den Trägern und Trägerinnen ein zusätzliches Gefühl absoluter Sportlichkeit zu vermitteln scheint.
„Man muss nur fest daran glauben“, sinniert der mit dem speckigen Hut.
„Das hat aber nichts mehr mit Würde zu tun“, erwidert der mit dem Stock und schnäuzt in den Saum seiner fleckigen Schürze.
„Schau‘ dir diese gestretchte Kleidung an“, prustet der mit dem Hut dazwischen und lacht.
„Sie endet oberhalb der Knie und etwas weiter oben knapp über dem Schambein. Der Stretch reicht nicht einmal über die dicken Bäuche“.
„Und glaub‘ mal ja nicht, dass diese Großstadtherren ihren Wanst als angefressen oder als Resultate von Bierbäuchen interpretieren werden. Viele von ihnen dürften froh sein, dass ihr sehr kurzer Schniedelwutz gerade noch in der gestretchten Hose verstaut werden kann“.
„Alles Samenstränge“, ruft prompt ein vorbeifahrender, schwitzender, rotgesichtiger und sehr dicker Mann den beiden alten Männern in ihren blauen Südtiroler Funktionsschürzen zu. Dabei trommelt er mit einer Hand auf seinem Bauch herum und verliert fast das Gleichgewicht. Mit einiger Mühe kommt er wieder zu einer einigermaßen stabil wirkenden Fahrweise.
„Et hätt noch immer jutjejange“, ruft er, bereits einige Meter weit entfernt, in den freien Raum vor ihm.
„Es ist noch immer gut gegangen“, übersetzt eine ebenso korpulente Frau den beiden Alten. Die runzeln synchron ihre Stirn und schütteln den Kopf.
„Dicke Großstadtmänner auf modernen und teuren Fahrrädern. Sportliche Extravaganz. Vor Schweiß triefende Gesichter“, sagt der Alte mit dem speckigen Hut.
„Und all das in unendlich langen Schlangen“, murmelt der mit dem Stock. Er nickt in Richtung der Pedelec-Fahrerenden, die sich weiter abquälen und von einem glänzend-bunten Panoptikum irre angeordneter Skulpturen kaum zu unterscheiden sind.
„Früher kamen die Leute mit dem Auto, heute rollen sie auf Fahrrädern hintereinander her, als wäre jeder von ihnen eine eigene Sehenswürdigkeit,“ resümiert der Alte mit dem Stock und grinst.
„Und dieser Duft der von Schweiß angetriebenen Abenteurer, die unsere gute Luft verunreinigen. – Fast jedenfalls.“
Der andere zieht eine Augenbraue hoch, prüft mit einem Blick aus Augenschlitzen die vorüberfahrenden engen, meist schwarzen Hosen, die so aussehen, als könnten ihnen jeden Augenblick die Nähte platzen.
„Dicke, schwitzende Männer halt. Und die Frauen auf ihren elektrisch betriebenen Fahrrädern … als flüsterten sie, schaut, wir sind die wahren Hüterinnen der Kurven.“
Es folgt ein gemeinsames Lachen, das trocken ist wie der leichte Wind, der durch die Bäume weht.
„Der neue Tourismus, alter Freund“, belehrt der mit dem Hut seinen Nachbarn, „der neue Tourismus ist offensichtlich eine Kunst, keine Augen für die Natur zu haben, dafür auf Akkus sitzen und hoffen, sie mögen ihnen bei den hohen Temperaturen nicht unterm Hintern in Flammen aufgehen.“
Beide schauen die Straße hinauf, wo sich die Strampler und -innen quälend langsam den Berg hinaufschlängelt.
„Vielleicht“, sagt der Mann mit dem Hut, „ist die Natur nicht so sehr von uns weggeschoben, wie wir es uns einbilden, sondern einfach nur geduldig. Sie wartet in aller Ruhe darauf, dass diese Sportler müde werden und niedergeschlagen einfach zu einem anderen Abenteuer weiterziehen.“
„Bevor sie auf ihren Rädern einen Herzschlag bekommen und aufs Pflaster fallen“, ergänzt der Behütete
„Womit hat dann auch jede Funktion ein Ende hat“, resümiert der mit dem Stock und macht Anstalten, aus dem Schatten des Baumes zu treten
Die Schlange aus Marken-Pedelecs erneuert sich stetig. Der Weg zum Joch gerät unter dem verschwitzten Eifer der Touristen immer weiter aus dem Blick.
Die beiden Alten verlassen ihren Aussichtspunkt unter dem Baum., bevor mit den länger werdenden Schatten des Baumes auch ihre Schatten länger werden.
Die Frau mit den Einkaufsbeuteln (Juni 2025)
Die Frau mit den Einkaufsbeuteln
© H. Jürgen Hoffmann, 10.06.2025
Eine alte Frau müht sich mit zwei Einkaufsbeuteln mitten auf einer nicht stark befahrenen Straße. Die Trageschlaufen der Beutel sind etwas zu lang, sodass das Gewicht den Einkauf bis auf wenige Millimeter gen Asphalt ziehen. Sie ächzt unter der Last.
Ein ebenso alter Mann kommt ihr entgegengeschlurft. Vom Alter gebeugt. Fast, so vermittelt sein Eindruck, berühren seine Arme die Platten des Gehweges. Er trägt eine beigefarbene Weste über einem in die Jahre gekommenen Holzfällerhemd. Seine Beine stecken in einer überdimensioniert breiten und verschlissenen Jeans. Die Farbe der Weste scheint bei alten Männern seines Alters offensichtlich zur Standardkleidung zu gehören wie die Jeans, die noch aus der Mode am Ende 60er-Jahre, Anfang der 70er-Jahre stammen mochte. Sein Outfit ist für die sommerlichen Temperaturen von fast dreißig Grad ein wenig zu großzügig kalkuliert. Was, so stellt sich die Frage, wird er tragen, wenn es „endlich wieder Sommer“ wird?
„Da werden die Arme auch immer länger“, sagt er fröhlich in Richtung der alten Dame.
„Was?“
„Die Arme! – Immer länger!“
„Ich hör‘ schlecht“, begründet die Frau ihr Gebrechen. „Oder es ist zu laut.“
Ist es nicht. Es ist ruhig auf der Straße. Der einzige Radau kommt von einer aufgeregten Amsel, die sich über was-auch-immer beschwert.
„Tach, Frau Müller. Waren Sie einkaufen?“
„Seh’n Sie das nicht?“
„Doch. An Ihren langen Armen.“ Der Alte lacht.
„Was gibt’s da zu lachen? – Wenn ich will, krieg‘ ich meine Arme mit der Last noch hoch. Sie, Herr Furtenbreit, kriegen nix mehr hoch.“
„Das wissen Sie doch gar nicht, Frau Müller“, grient der alte Mann.
„Meine Freundin, die Frau Himmelschrei, hat mir aber erzählt, dass Sie schon vor zwanzig Jahren …“
„Die Himmelschrei ist ‚ne alte Petze. Hat immer schon gelogen.“
„Ihrem Gesicht nach zu urteilen, Herr Furtenbreit, hat sie wohl ins Schwarze gelogen.“
Mit den letzten Worten zog Frau Müller leise lächelnd an Herrn Furtenbreit vorüber. Der erlaubte es sich, leicht schnaufend und eher für sich selbst gedacht, einen Satz nachzuschieben – quasi als seine Entschuldigung für das Alter schlechthin.
„Lieber schlaff als lange Arme vom Einkauf.“
Er läuft gebeugt weiter und grummelt in sich hinein. Seine Arme bewegen sich im langsamen Rhythmus seines schwerfälligen Ganges. Ein wenig ähnelt er einem Gorilla.
Die Amsel hat ihre lautstarke Schimpfkanonade eingestellt. Es muss hier offenbleiben, ob sie sich entweder beruhigt oder einfach keine Argumente mehr hat.
Strolch oder ein Terrier fährt schwarz (Aug. 2025)
Anmerkung
Die nachfolgende Geschichte ist ein sehr kleiner Ausschnitt aus meinem z. Z. in Arbeit befindlichen neuen Roman (Arbeitstitel: „Die unerwähnte Tochter des Anatol S.“ oder verkürzt: „Die Tochter des Anatol S.“).
Diese Geschichte wird nicht Hauptteil des Romans sein, allenfalls eine Beobachtung am Rande und wird (voraussichtlich) nicht in dieser kompakten Form im Roman erscheinen.
Schau’n mer mal.
Strolch oder Ein Terrier fährt schwarz
© H. Jürgen Hoffmann, 24. Aug 2025
Verstohlen hatte ich auf meine Uhr geschaut und erleichtert festgestellt, dass ich bereits fast zwei Stunden mit Johanna S. gesprochen hatte und darauf hoffte, es könne gerne noch eine längere Zeit andauern.
Plötzlich sah ich aus dem Augenwinkel einen weißen drahthaarigen Foxterrier, untypisch mit einem schwarzgesprenkelten Kopf und einem schmalen schwarzen Streifen vom Schwarz des Kopfes bis zum weißen Schwanz. Ich wusste sogleich, dass ich diesen Hund vor einigen Stunden bereits gesehen hatte. Von den Landiswiesen kommend lief er an uns vorüber, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Schnurstracks und zielstrebig lief er auf die Fußgängerbrücke zur kleinen Saffa-Insel am Zürichsee zu. Begleitet wurde er von niemandem, außer den freundlichen Rufen von Erwachsenen und Kindern:
„Hallo Strolchili!“ – „Hey, Strolchi!“ – „Na, wohin?“ – „Ach ja, wie immer!“
Viele Passanten schienen diesen kleinen Hund zu kennen, als sei er ein populärer Filmstar aus irgendeinem Tierfilm oder einer Tierdoku. Johanna sah meine Verwirrung, lachte über meine offensichtliche Irritation und schaute lächelnd ebenfalls hinter dem Hund her. Ohne mich anzuschauen, stellte sie fest: „Sie starren dem Hund hinterher, Herr Kallenbach. Irritiert er sie etwa?“
„Den habe ich vorhin schon einmal gesehen“, sagte ich verwirrt.
„Und wo?“
„Im Bus.“
„Sie sind mit dem Bus gekommen?“
„Ja“, erwiderte ich und fügte wie zur Entschuldigung an, dass ich nicht genau gewusst hätte, wie lang der Weg von meiner kleinen Pension in Adliswil bis zu unserem ersten Treffpunkt sein würde, wo ich mit ihr über Ernst-Theodor-Horst Hallberger reden wollte, meinem alten Professor. Nach über zehn Jahren hatte ich sein Tagebuch gefunden und wollte nun mit Johanna S. darüber und ihr Verhältnis zu ihm reden. Im Augenblick war das zweitrangig.
„Es waren drei oder vier Stationen.“
Ich war auf eine Weise perplex über diesen Hund, der schon im Bus keinem zu gehören schien. Er lag unter der seitlichen Bank in Türnähe und schien mir dabei ausgesprochen entspannt.
„Das ist Strolchili“, ergänzte Johanna. „Strolchili heißt eigentlich Strolch, wie der aus Disneys ‚Susi und Strolch‘ von 1955. Er hat zwar nicht das Aussehen, aber seine Charaktereigenschaften sollen denen des Disney-Hundes sehr ähnlich sein.“
„Die da wären?“ fragte ich neugierig nach. Natürlich kannte ich den Film, wusste allerdings nicht mehr viel vom Inhalt, vor allem nichts mehr über seinen von Johanna angesprochenen Charakter.
„Im Original ist Strolch der ‚Tramp‘, ein freier, unabhängiger Straßenhund, der durch die Stadt streunt. Ein abenteuerlustiger Genosse mit sympathischer Ausstrahlung, der alle Winkel der Stadt zu kennen scheint und sich zu helfen weiß. Soviel zum Filmhund.“
„Was hat das nun mit diesem hier zu tun?“
„Dieser Strolch ist ein ganz besonderer Hund, quasi eine Sehenswürdigkeit und in Zürich weltberühmt. Die Geschichte überliefert, dass er von den Besitzern umbenannt worden sei, nachdem bekannt geworden ist, was er tagsüber so treibt. Er kommt nämlich von einem kleinen Hof bei Adliswil und fährt seit vielen Jahren jeden Morgen, außer sonntags, pünktlich um zehn Uhr vom Bahnhof in Adliswil mit dem Bus nach Zürich“.
„Allein?“, fragte ich ungläubig.
„So ist es bekannt“, fuhr Johanna S. fort. „Strolch fährt allein und steigt hier am Bahnhof Wollishofen aus. Der Bahnhof liegt etwa vierhundert oder fünfhundert Meter hinter uns.“ Dabei zeigte sie mit ihrem Daumen über ihre Schulter nach hinten, ohne sich umzudrehen.
„Ich weiß“, unterbrach ich sie. „Da sind wir beide ausgestiegen.“
„Die Fahrtstrecke ist, das wissen alle, die Strolchs Geschichte kennen, etwa fünf Kilometer lang und dauert kaum mehr als fünfzehn Minuten. Angekommen durchstreift er den hiesigen Stadtteil. Er wurde allerdings auch schon in der Innenstadt gesehen.“
„So etwas habe ich ja noch nie gehört, geschweige denn erlebt“, fiel mir nichts Besseres ein.
Im gleichen Augenblick bog Strolch auf den Fußgängerüberweg zum Inselchen ein. Aus einer sechsköpfigen Ansammlung älterer Menschen neben dem Überweg ertönte eine Stimme:
„Na Struppi, wohin des Weges?“
Alle Blicke der Gruppe richteten sich auf den kleinen Terrier, der für einen winzigen Augenblick stehenblieb, den Kopf zur Gruppe drehte und, so kam es mir vor, angewidert die Augen niederschlug, um dann seinen Weg fortzusetzen.
Was, so fantasierte ich, wird im Kopf dieses Hundes vorgegangen sein? Hat er vielleicht gedacht: ‚Ach, diese deutschen Touris! Es würde mich nicht wundern, wenn sie mich noch fragen, wo denn mein Freund Tim sei. – Banausen‘.
Es wird mir kein Mensch glauben. Die Stimme eines älteren Herrn aus der Gruppe rief unter dem schallenden Gelächter der anderen dem Hund hinterher:
„Wo ist denn dein Freund Tim?“
„Banausen“, sagte Johanna lächelnd. „Das kommt schon mal vor. In der Regel sind es Deutsche.
Dabei scheinen die wenigsten von ihnen zu wissen, dass ‚Tim und Struppi‘ keine deutsche Comicserie ist, sondern aus Frankreich kommt.“
„Das wirft kein besonders gutes Licht auf uns“, versuchte ich lächelnd die Situation und Johannas Einschätzung ein wenig abzumildern. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien es mir nicht recht gelungen zu sein.
„Lieber Herr Kallenbach“, erwiderte sie, „es gibt andere Deutsche, die nicht in Klischees denken. Wegen eines dieser Menschen, Theo Hallberger, sind Sie hier. Seinetwegen wollen Sie mich interviewen. – Aber lassen wir das. Soll ich Ihnen über Strolch noch kurz weitererzählen oder langweilt es Sie?“
„Ich bin nicht gelangweilt. Bitte erzählen Sie weiter.“ Das sagte ich in der Hoffnung, dass dieser Zwischenbericht unser eigentlich geplantes Gespräch nicht frühzeitiger beenden würde.
„Nun gut. Das Bisherige war noch nicht alles“, fuhr Johanna fort, „regelmäßig kommt Strolch am Nachmittag, und fast immer zur gleichen Zeit – wie gerade – gegen 15:30 Uhr zur Landiswiese, überquert die Fußgängerbrücke zur Saffa-Insel – wie Sie gesehen haben – und ruht sich unter einem Baum aus. Nach einer Stunde läuft er – stets pünktlich – den Weg von hier aus zurück zum Bahnhof Wollishofen und nimmt den nächsten Bus zurück nach Adliswil.“
„Andressiert!“, sage ich. „Vielleicht entlaufener Zirkushund!“ Ich will es einfach nicht glauben.
„Falsch“, erwiderte Johanna. „Er ist kein Zirkushund, sondern gehört – wie bereits erwähnt – seit seiner Geburt einer Familie auf einem Hof etwas oberhalb von Adliswil. Sie sagen über ihn – so die Geschichte – er sei ein Hund mit Charakter und absolutem Eigen- und Freiheitssinn. In den Anfängen seiner Reiselust habe man ihn noch gerufen und gesucht und jedes Mal erstaunt festgestellt, dass er zwischen 17:30 und 18:00 Uhr auf dem Weg vom Ortskern zum Hof erschien. Zunächst dachte man daran, dass er sich möglicherweise im Ort herumtreibe, bis eine Frau ihnen davon berichtete, dass ein kleiner, weißer Terrier mit schwarzem Kopf, stets gegen zehn Uhr in den Bus am Bahnhof steige. Ein Witz, mussten die Eigentümer wohl gedacht haben und lauerten am nächsten Tag auf den Bus und den Hund. Die Frau hatte es wohl richtig gesehen.
Als der kleine Terrier mit seinen Fahrten begann, so geht die Geschichte weiter, biss er all jenen in die Hand, die es wagten, ihn von seinem Vorsatz abzubringen, und ihn des Busses verweisen wollten. Schnell wurde dieses Unterfangen aufgegeben. Fortan kümmerte sich keiner mehr um den umtriebigen Hund. Selbst der Busfahrer verhinderte nicht mehr die Beförderung und ließ den kleinen Strolch gewähren, auch wenn dieser weder einen Fahrschein löste, noch sich darum bemühte. Er fuhr schwarz. Und keinen kümmerte es mehr.“
„Klingt irgendwie unglaubwürdig“, unterbrach ich.
„Für uns Züris nicht“, sagte Johanna. „Strolch entwickelte sich und seine Leidenschaft zum absoluten Stadtgespräch. Selbst Stadtführer, die in unterschiedlichen Sprachen ihrem Publikum die Schönheiten Zürichs darlegten, unterbrachen sogleich ihre Litaneien, wenn sich Strolch zeigte. Ich vermute, Strolch ist der meistfotografierte Hund der Welt. Begeisterte Asiaten, voran die Japaner, verschossen wohl mehrere Filme mit ihren Spiegelreflexkameras.“
Mittlerweile hatte der schwarzfahrende Hund die kleine Insel erreicht. Ich sah noch, wie er sich unter den erstbesten Baum legte, um sich auszuruhen und dabei sicher auch zu wissen schien, dort, geschützt durch seinen Bekanntheitsgrad, unbehelligt bleiben zu können. Menschen, die ihn dort fotografierten, hielten stets einen gebührenden Abstand.
„Kein Mensch wagt es, ihn zu stören“, fuhr Johanna fort und schaute mich lächelnd an. „Es ist mittlerweile bis über die Grenze hinaus bekannt, dass er jeden, der ihm zu nahe auf den Pelz zu rücken trachtet, zuerst deutlich anknurrt, um bei Überschreitung seiner Aura sogleich die fordernde Hand in ein perforiertes Stück Fleisch zu verwandeln. Das ist schon viele Jahre her. Seitdem hat es keinen solchen Vorgang mehr gegeben.“
Strolchs Berühmtheit hatte sich für ihn ausgezahlt: Keiner störte ihn.
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